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Nettetal
Anatomie eines Schul-Massakers

Nettetal: Anatomie eines Schul-Massakers
Die Mitschüler demütigen und schikanieren Marc V. in dem Theaterstück. Sie unterdrücken ihn wortwörtlich und setzen ihn unter Druck. So lange, bis seine Wut in einer furchtbaren Tat explodiert. FOTO: jobu
Nettetal. Der Literaturkurs der Gesamtschule Nettetal probt mit Leidenschaft für das bewegende Theaterstück "Gewitterneigung" über den Amoklauf an einer Schule. Für die Aufführungen am Freitag und Samstag gibt es noch Karten Von Joachim Burghardt

Weiße Masken auf dunkler Bühne, eine Pistole und bedrohliche Musik: Vordergründig mag manche Szene düster scheinen, tatsächlich aber wirkt es lebendig und wirklichkeitsnah - das Theaterstück "Gewitterneigung", das Schüler der Gesamtschule Nettetal am kommenden Freitag- und Samstagabend aufführen. Packend für die Zuschauer, wie die jungen Mimen mit einer Gefahrensituation umgehen, die sie hoffentlich im Alltag nie erleben: Amoklauf an der Schule.

"Du hast Glück, du Opfer!" Hämisch lachen die Jugendlichen, als sie von ihrem Mitschüler Marc V. ablassen, nachdem sie ihn umgeschmissen, sich auf ihn gesetzt und seinen Kopf zu Boden gedrückt haben. Das "Opfer" erlebt solche Demütigung nicht zum ersten Mal, wird ständig gemobbt und schikaniert. Und spricht bei seiner Freundin Giulia offen von "Hass" gegenüber den Mitschülern. Das Mobbing passiert vor der Tat, nach dem Massaker werden sie über ihn sagen, er, der Amokläufer, habe "einen totalen Knall" gehabt, ja "einen Geburtsschaden".

Der spätere Amokläufer nimmt irgendwann keine Individuen mehr wahr. Das Theaterstück "Gewitterneigung", das der Literaturkurs der Gesamtschule Nettetal aufführen wird, bewegt. FOTO: jobu

In Rückblenden spielen sie, was sich vor, beim und nach dem Amoklauf abspielt: Marcs Mitschüler fragen nach Ursachen und Schuld, Moderatoren sowie Lehrer und Verwandte des Täters suchen nach Erklärungen. Für die jungen Schauspieler, die meisten um die 17 Jahre alt, eine große Herausforderung: "Das macht schon was mit einem, so ein Thema", gibt Lena Maria Borger zu. Als Giulia in dem Stück ahnt sie vielleicht, was in Marc vor sich geht, als Schülerin im wirklichen Leben denkt sie darüber nach "ob so was nicht überall passieren könnte". Ihre Kollegin Anna-Amira Hussein, die bei der anderen Aufführung die Giulia gibt, sieht das ähnlich: "Darum sind wir sehr spät mit den Proben angefangen, haben uns erst lange mit dem Fall befasst, Berichte und Dokumentationen angesehen, bei einem Wochenend-Workshop in Koblenz darüber diskutiert." Dieser "Fall", auf dem das Theaterstück "Gewitterneigung" von Peter Haus basiert, ist der Amoklauf von Winnenden: 2009 erschoss ein 17-Jähriger in einer Realschule sowie auf seiner Flucht insgesamt 15 Menschen und dann sich selbst.

Die 25 Schüler der Theater-AG des Literaturkurses in Jahrgangsstufe 12 wollten "mal wieder ein ernsteres Stück", so Anna-Amira, inszenieren und aufführen. Schon die Proben zeigen, wie sehr ihnen das gelungen ist. Mit Leidenschaft und Konzentration sind sie bei der Sache, T-Shirts sind durchgeschwitzt, weiße Masken hinterlassen Abdrücke in den Gesichtern. Natürlich wird mal gekichert, wenn ein Satz nicht sitzt, aber mehr noch wird nach jeder Szene diskutiert, ob alles perfekt passt.

"Die Schüler machen hier alles selbst, spielen die Rollen, steuern die Technik, erstellen das Bühnenbild, entwerfen die Plakate", erläutert Lehrer Thomas Schulz. Er ist überzeugt, dass die jungen Theaterleute bei den öffentlichen Aufführungen professionelles Niveau bieten werden. "Wir haben wirklich einige tolle Talente!" Die letzten Proben bieten noch Gelegenheiten für den Feinschliff. Lena Maria gibt sich zuversichtlich, dass das Stück bei den Zuschauern ankommt: "Das Thema hat ja mit unserem Leben zu tun, mit dem Alltag, mit der Wirklichkeit."

Die Wirklichkeit auf der Bühne an diesem Nachmittag ist gekennzeichnet von harten Proben. "Jetzt etwas mehr Power in die Szene packen", motiviert Schulz. Und die jungen Mimen wiederholen die Szene, wie Mitschüler den späteren Täter Marc demütigen: Noch gehässiger unterdrücken sie ihn, pressen seinen Kopf nach unten. Nicht ahnend, das sie später als Ermordete auf der Bühne klagen werden: "Ich werde nie wieder eine Pizza bestellen, ich werde nie wieder einen Sonnenaufgang sehen."

Quelle: RP
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