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Nettetal
Lobberich ist doch wieder ein Textilstandort

Nettetal: Lobberich ist doch wieder ein Textilstandort
In den ehemaligen Hallen von Rokal/Hansa an der Robert-Kahrmann-Straße prüfen Betriebsleiter Dietmar Oellers, Geschäftsführer Herbert Fenkes und Webmeister Michael Hommen (v.l.) die Textil-Qualität. FOTO: Busch
Nettetal. In den ehemaligen Hallen von Rokal/Hansa-Armaturen produziert jetzt "Pile Fabrics" technische Textilien rund um die Uhr. Von Manfred Meis

Erinnerungen werden wach. "Das ist eine Reise in die Vergangenheit", schwärmt Helmut Hommen nach der Besichtigung. 42 Jahre hat der Lobbericher Kaufmann bei Girmes gearbeitet und in aller Welt Stoffe verkauft. Nun freut es ihn, dass die Textilindustrie doch nicht ganz aus Lobberich verschwunden ist. "Wer das Rattern der Maschinen einst gehört hat, für den ist das Musik in den Ohren", beschreibt der einstige Longlife-Geschäftsführer Hans-Jürgen Cleven den Lärm der 34 Webautomaten in der großen Halle. "Herzlichen Glückwunsch" sagt der frühere Niedieck-Vorstand Günter Isenberg, "das alles ist sehr beeindruckend."

Über das Lob der Besucher aus dem CDU-Ortsverband freut sich Herbert Fenkes sichtlich. Er ist mit Hubert Wiesner Geschäftsführer der Pile Fabrics GmbH, die inzwischen Viersen aus ihrem Firmennamen getilgt hat. Denn dort ist das Unternehmen vor elf Jahren gegründet worden, als der Girmes-Konzern endgültig Insolvenz anmeldete. Der Girmes-Mann Fenkes nutzte seine Kontakte zur Jemako International GmbH in Rhede, die Reinigungstextilien und -mittel herstellt. Mit deren Geschäftsführer Hubert Wiesner wurde Pile Fabrics gegründet - damit hatte auch Jemako wieder einen wichtigen Lieferanten für seine Produkte.

In einer gemieteten Halle an der Vorster Straße in Viersen begann 2004 die Produktion mit fünf Leuten, doch schon sechs Jahre später wurde es zu eng. Fenkes machte sich auf die Suche nach einer Immobilie. Die fand er 2012 durch die Vermittlung des Lobbericher Ortsvorstehers Harald Post, der in der Textilbranche tätig ist. Die Hallen von Rokal/Hansa an der Robert-Kahrmann-Straße standen leer, weil das Unternehmen die Herstellung von Sanitärarmaturen nach Stuttgart verlegt hatte. Sie waren gut in Schuss, weil sie weiterhin beheizt worden waren. So brauchte an den Gebäuden kaum etwas getan zu werden. "Die Immobilie passte ideal zu uns, trotzdem hat uns der Umzug eine Million Euro gekostet", verrät Frenken.

Der Umzug ist fast beendet. In Viersen steht nur noch ein rund 30 Meter langer Spannrahmen, der innerhalb des nächsten halben Jahres umgesetzt werden soll. Da die Produktion nicht unterbrochen werden konnte, hat Pile Fabrics einen zweiten Spannrahmen installiert. "Mit der Kapazität von drei Millionen Metern können wir auch die Ware kleinerer Webereien ausrüsten, die nicht vollstufig ausgebaut sind", erläutert Frenken. Platz ist noch genug da, denn es stehen 16 000 m² Produktionsfläche (Keller und Hochregallager einbezogen) auf dem 22 000 m² großen Gelände zur Verfügung. Gearbeitet wird in der Weberei in drei Schichten (800 000 Meter pro Jahr), beim Spannrahmen reicht die Tagesschicht. Beschäftigt sind 67 Männer und Frauen - nur zehn Prozent in der Verwaltung.

Pile Fabrics stellt nicht nur Plüsche und Velours für hochwertige Farbroller her, sondern auch Textilien für Großfilteranlagen und Waschstraßen oder für die Reinigung (Handschuhe, Wischmops). Auch die Hebekissenproduktion von Girmes führt das Unternehmen weiter, das neuerdings auch Turnhallenmatten und "Surfbretter" anbietet: Zwischen die Textilbahnen wird Luft gepresst. Die Produkte aus Lobberich sind weltweit gefragt, wie man an den Exportländern sehen kann: Japan, die USA und halb Europa. Die Kunststoffgarne bezieht das Unternehmen zu fast 80 Prozent aus Deutschland. Baumwolle wird nur für einige Spezialartikel verarbeitet.

Der "brillante Textiltechniker, Tüftler und Bastler Herbert Fenkes", so Harald Post, erarbeitet mit den Stadtwerken Nettetal zurzeit ein Energiekonzept für das Unternehmen mit dem Ziel, einen Teil Strom und Wärme selbst zu produzieren. In absehbarer Zeit werden noch intakte Versorgungsleitungen zum Pierburg-Werk nebenan gekappt, weil die Produktion ausläuft.

Quelle: RP
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