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Nettetal
Nettetaler Erinnerungen an das Pogrom

Nettetal: Nettetaler Erinnerungen an das Pogrom
Gunter Demnig verlegte bereits in Kaldenkirchen Stolpersteine, hier in der Fährstraße am Haus der Familie Lion. FOTO: Busch
Nettetal. Am Sonntag werden weitere Stolpersteine in Kaldenkirchen und später in Hinsbeck verlegt. Vorher findet in der evangelischen Kirche Kaldenkirchen ein Gedenkgottesdienst statt. In Lobberich gibt es abends eine Gedenkstunde. Von Ludger Peters

Der 9. November steht bundesweit unter dem Eindruck, dass sich zum 25. Mal der Tag des Mauerfalls jährt. Dahinter tritt fast ein wenig zurück, dass am 9. November 1938 das nationalsozialistische Regime ihr Pogrom gegen Juden in Deutschland entfachte und damit das Startsignal zum Vernichtungsfeldzug gegen die Juden in Europa setzte. In Nettetal hat es nach Ende des Zweiten Weltkriegs sehr lange gedauert, ehe man sich der Folgen dieser systematischen Verfolgung und Vernichtung jüdischer Bürger erinnerte.

Ein erstes sichtbares Zeichen setzte in den 1970er-Jahren der Bürgerverein Kaldenkirchen, der die allgegenwärtige Erinnerung an die jüdische Gemeinde und an ihre Synagoge strukturiert zusammentrug und schließlich wenige Schritte vom Standort der Synagoge entfernt an der Hauswand der damals neu errichteten Baugesellschaft Nettetal AG eine Gedenktafel anbringen ließ. Vertreter der Jüdischen Kultusgemeinde aus Mönchengladbach nahmen daran teil.

In den Folgejahren erinnerten die Nettetaler regelmäßig am 9. November an das Pogrom, seit einigen Jahren ist außerdem der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar fest im Kalender notiert. Schüler weiterführender Schulen gestalten im Wechsel die Gedenkfeier in der Alten Kirche. Vor ihrem Eingang steht ein Mahnmal, das an die jüdischen Opfer der NS-Zeit erinnert. Im vergangenen Jahr kam ein weiteres Mahnmal hinzu.

Es hat lange gedauert, ehe sich Breyell der eigenen Geschichte erinnerte. Vera Gäbler und Gesamtschüler knüpften Kontakte zu Familienangehörigen der überlebenden jüdischen Familien, arbeiteten Geschichte auf und erreichten, dass eine Nachbildung der Synagoge von Breyell nun unweit des ursprünglichen Standortes steht.

Parallel dazu wurden vor einiger Zeit erstmals auf Initiative der Gesamtschüler in Nettetal Stolpersteine verlegt, mit den der Künstler Gunter Demnig seit Jahren in ganz Europa unterwegs ist. Zuvor schon hatte der Bürgerverein eine Erinnerungsstele auf dem alten jüdischen Friedhof aufstellen lassen. Am Sonntag, 9. November, werden in Kaldenkirchen an drei weiteren Stellen zehn Stolpersteine im Gedenken an jüdische Bürger verlegt, die Opfer der Judenverfolgung wurden.

Es sind Emmy Bonn, Walter Bonn, Hans Günther Bonn, Ernst Grunewald, Johanna Grunewald, Günter Grunewald, Hans Grunewald, Jakob Keizer, Regina Keizer und Rosetta Keizer. Träger der Aktion ist die Initiative "Stolpersteine für Kaldenkirchen", eine Kooperation der evangelischen Kirchengemeinde Kaldenkirchen und der Gesamtschule.

Die Schüler haben mit ihrer Lehrerin Julietta Breuer die Biografien der Opfer erforscht. Grußworte sprechen die Leiterin der Gesamtschule, Angelika Eller-Hofmann, und Bürgermeister Christian Wagner. Vertreter der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach werden im Gedenken an die Verfolgten und Ermordeten das jüdische Totengebet "El male rachamin" ("Gott voll des Erbarmens") sprechen.

Zuvor findet um 10 Uhr bereits ein Gedenkgottesdienst in der evangelischen Kirche Kaldenkirchen mit Pfarrer Andreas Grefen statt, den die Gesamtschüler mitgestalten. Für die musikalische Begleitung sorgen Ingrid Koziol (Orgel) und Sonja Prigge (Flöte). Gunter Demnig beginnt danach um 11.30 Uhr in der Kehrstraße vor dem Bekleidungshaus Schouren mit dem Verlegen erster Steine.

Zum achten Mal in Folge findet am Sonntag, 9. November, auch in Lobberich die Gedenkfeier mit Lesung, Musik und Vortrag anlässlich der Zerstörung der Nettetaler Synagogen statt. Diesmal treffen sich die Teilnehmer um 18 Uhr in der Alten Kirche. "Eines der Ziele ist es, Sympathie dafür zu wecken, sich eine neue Synagoge in Nettetal vorzustellen, mir jedenfalls fehlt sie", erklärte Pfarrer Dr. Matthias W. Engelke, der diese Form des Gedenkens ins Leben rief.

Bernd Remmler, der im vergangenen Jahr Stolpersteine in Breyell ergänzen ließ, spricht zum Thema "Wider das Vergessen - Moderne Technik in der Holocaustforschung". Pfarrer Engelke liest wieder aus Jizchak Katzenelson: "Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk". Es ist der achte von 15 Gesängen. Die musikalische Gestaltung hat Uli Windbergs. Eintritt wird keiner erhoben. Die Initiatoren bitten um eine Spende zur Förderung der jüdischen Gemeinde in Mönchengladbach.

Zwei Familien aus Hinsbeck entkamen den Nazis nur knapp. Lesen Sie hier ihre Geschichte.

 

Quelle: RP
 
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