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Serie: Auf einen Kaffee in... Schaag (1)
Schaag: So fröhlich wie Köln - nur etwas kleiner

Ortsteile von Nettetal: Das ist Schaag
Ortsteile von Nettetal: Das ist Schaag FOTO: Busch
Viersen. Der Bäcker, die Kirche, der Sportverein... Die Nettetaler kennen ihre Ortsteile. Aber wie würde eine fremde Person sie wahrnehmen, wenn sie dort auf einen Kaffee hält? Aus dieser Perspektive stellen wir Nettetals Stadtteile vor. Heute: Schaag. Von Sabine Janssen

Morgens um zehn Uhr in Schaag ist die Welt in Ordnung - und der Hubertusplatz voller Autos. Wo sind nur all die Menschen hin? Im Supermarkt sind sie nicht alle. Dazu ist die Schlange an der Kasse mit der freundlichen Kassiererin zu kurz, in der Apotheke, in der Sparkasse, in der Post ... Immerhin, es ist alles da, was man für die Nahversorgung braucht. Manche nehmen offenbar auch den Bus Richtung Tönisvorst. Auf der Parkbank sitzen zwei Männer und unterhalten sich. Von Hektik keine Spur. Wenn man sich ein beschauliches Dorfleben am Niederrhein vorstellt, könnte es so aussehen.

Im Schatten der gewaltigen Kirche St. Anna liegt die Bäckerei Oomen - oder auch "die Info-Börse von Schaag", wie Fachverkäuferin Stefi Stevens lachend sagt. Selbst am späten Montagmorgen hat sie gutzutun und ein persönliches Wort für jeden Kunden.

"Ich habe ja schon in allen Filialen unserer Bäckerei gearbeitet, aber Schaag hat die nettesten Kunden", erzählt Stevens. Beinahe wäre die Lobbericherin selbst dorthin gezogen. Doch dann wäre der Weg zum Gymnasium für ihre Tochter zu weit gewesen. Die Kunden kommen und gehen. "Sie wollen 'was über Schaag wissen?", fragt eine Kundin. "Kein Problem, ich zieh eben die Jacke aus." Annette Ottow ist Ur-Schaagerin, dort geboren, dort verheiratet. Dort wohnt sie, arbeitet sie und feiert sie. "Die Menschen hier sind sehr offen. Man kann hier ruhig leben. Man ist trotzdem flott in der Stadt, also zum Beispiel in Lobberich und Mönchengladbach. Und es ist immer etwas los."

Eigentlich sei sie in Schaag wunschlos glücklich. "Die Post hat ja Gott-sei-Dank wieder geöffnet", sagt die 47-Jährige. Ja, lästig so ohne Briefmarken. "Nein, doch nicht die Post, die Gaststätte ,Zur alten Post'!" Das können Ortsfremde natürlich nicht wissen.

"In Schaag kennt jeder jeden", sagen Stevens und Ottow einstimmig. Als Ottow sich wegen ihrer behinderten Tochter für abgesenkte Bordsteine einsetzte, fand sie Gehör. Das kommt heute allen Senioren, Behinderten und kinderwagenschiebenden Müttern zu Gute. "Meine Tochter fährt jetzt allein im E-Mobil durch den Ort, und jeder grüßt sie", sagt die 47-Jährige.

Der Nettetaler Bürgermeister, Christian Wagner, wohnt auch in Schaag. "Ja, ja, der wohnt direkt um die Ecke, am Mühlenbachweg. Sein Sohn hat Mundart in der Schule gelernt. Das kann der Vater nicht, weil er zugezogen ist." Als Ortsunkundige wird man schnell auf den aktuellen Stand gebracht. Info-Börse eben.

"Wir sind stolz darauf, dass der Bürgermeister von hier ist. Also wir, die Schaager, nicht die anderen", sagt Ottow lachend. Sowieso pflegt man gerade zum nächsten Nachbarn Breyell ein freundlich-frotzeliges Verhältnis. Schließlich hat sich Schaag 1990 von Breyell abgesetzt und ist selbstständig geworden.

Um aber die Ortskunde-Stunde zu vervollständigen: Die Grundschule macht den Schaagern etwas Sorge. Fürs kommende Schuljahr sollen sich nur zwölf Kinder angemeldet haben. Wenig, um einer einzügigen Grundschule das Bestehen zu sichern.

Dabei kann von einer Vergreisung auf den ersten Blick nicht die Rede. Jeanie Grießbach ist 29 Jahre alt und zu ihrer Freundin nach Schaag gezogen. "Hier ist es ruhig, weltoffen. Ich bin schnell bei meinem Pferd und schnell bei meiner Arbeit in Süchteln." Einen weiteren Supermarkt würde sich die 29-Jährige wohl wünschen.

Auch die 20-jährige Hannah-Sophie Zahn denkt nicht an Landflucht. Sie wohnt in Alst-Boerholz, hat ihrer eigene Wohnung im Haus der Eltern, vier Pferde und einen kleinen Sohn. "Ich lebe gern hier", sagt die 20-Jährige. "Die Stadt wäre nichts für mich." Aber eine Disco in der Nähe wäre fein.

Fröhlich geht es in dem Stehcafé zu. Kinder bekommen einen Lolli oder einen Fruchtgummischnuller, Erwachsene ein nettes Wort. Man kennt sich, man duzt sich, und wenn man mal jemanden nicht kennt, wird er auch geduzt. An den Werktagen kommen vor allem Frauen die Brötchen holen. "Nee, die Männer kommen am Wochenende", erzählt die Bäckerei-Verkäuferin. "Die Frauen sind da meist im Stress und ungeduldig, aber die Männer haben dann Zeit, stehen hier und quatschen."

Die Informationsumschlagbörse mit Brötchen-Ausgabe ist manchem zu Gottesdienst-Zeiten allerdings ein Dorn im Auge. Das besagt das Dorfgeflüster. Zu laut und zu fröhlich dringe vor allem im Sommer das Lachen und Reden aus der Bäckerei ins Gotteshaus. Doch Stevens kann das nicht erschüttern. "Hier geht keiner ohne ein freundliches Wort raus", sagt die Bäckerei-Verkäuferin. "Eigentlich sind wir wie Köln, uns fehlt nur der zweite Turm."

Quelle: RP
 
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