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Nettetal
"Wir haben Grabsteine mit Leben gefüllt"

Nettetal: "Wir haben Grabsteine mit Leben gefüllt"
Der Engel prägt den Lobbericher Friedhof seit 1902. Er krönt die Gedenkstätte für die Soldaten des deutsch-französischen Krieges 1870/71. FOTO: Busch
Nettetal. Am Tag des offenen Denkmals erinnern engagierte Vereine und Einzelpersonen an einzelne Schicksale in den Kriegen und daran, welche Verluste im heutigen Nettetal hingenommen werden mussten. Von Ludger Peters

Wenn am Niederrhein etwas mehr als zweimal gemacht wird, wird es schon zur Tradition. Das sagt allerdings nichts darüber aus, wie vertieft diese Tradition gepflegt wird. Mit dem Denkmaltag ist das in der Stadt etwas anderes. Seitdem sich Nettetal an der bundesweiten Einrichtung beteiligt, hat sich die Beschäftigung mit der Geschichte und der Frage, wo man herkommt und wohin man geht, deutlich verstärkt. Und es entsteht auf dieser Ebene sogar ein Nettetal-Gefühl, das nicht erst kritisch hinterfragt werden muss.

In Lobberich (dort mit aktiver Hinsbecker Beteiligung), Breyell, Kaldenkirchen und Schaag gibt es am Sonntag, 13. September, Veranstaltungen zum Generalthema "Bewegende Geschichte - Der Erste und Zweite Weltkrieg und die Auswirkungen auf Nettetal und die Bevölkerung". Die Überschneidung von Jahrestagen - 2014 war der Beginn des Ersten Weltkrieges Hundert Jahre her, und der Zweite Weltkrieg endete in Deutschland am 8. Mai 1945 - hat offenkundig viele veranlasst, sich näher mit den Geschehnissen und ihrer Wirkung bis heute zu befassen.

Vermittelt wird das Thema aber nicht anhand von Dokumenten aus staubtrockenen Studierstuben, vielmehr konfrontieren die Organisatoren die Teilnehmer am Denkmaltag mit ihrer eigenen Vergangenheit und der ihrer Vorfahren. "Wir möchten Geschichte erlebbar machen und damit Kinder, Jugendliche und jüngere Bürger erreichen", erklärte die Technische Beigeordnete Susanne Fritzsche, die in der Stadtverwaltung den Denkmaltag koordiniert. Sie ist froh und dankbar über das Engagement von bürgerlichen Vereinigungen in der Vorbereitung und Ausführung. "Ohne sie ginge so etwas überhaupt nicht", gestand sie bei der Vorstellung des Programms.

In vergangenen Jahrzehnten ist in Kaldenkirchen schon reichlich Vorarbeit bei der Aufarbeitung der Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geleistet worden. Es gibt 17 (!) Gedenkorte im Stadtteil, die alle auf Kriege zurückzuführen sind. Es gibt eine geführte Radtour ab 14 Uhr von der Pfarrkirche St. Clemens aus. Im Bürgerhaus dokumentiert der Bürgerverein anhand der Fleißarbeit Berti Verkoyens und einiger Mitstreiter die Sammlung der Totenzettel aus Kriegszeiten.

Der Lambertiturm in Breyell beherbergte seit den 1930er-Jahren eine schlichte Kriegergedächtniskapelle - inhaltlich ein Gegenstück zum martialischen Kriegerdenkmal von 1929 auf dem Friedhof. Daran erinnert der Förderverein nicht allein. Vielmehr tauchte er nach Angaben von Dr. Reinhard Rankers tief in die Geschichte der Personen ein, für die der Krieg besonders schicksalhaft wurde. Wer waren die Toten, derer heute gedacht wird? Mit wem standen sie in Verbindung. Ihre Schicksale sind anhand von Dokumenten, ähnlich wie in Kaldenkirchen, erforscht worden. Die Frage "Was ist das für ein Leben?", das da durch den Krieg gewaltsam endete, hat enorm viele Facetten. Untersucht wurden Schicksale von Flüchtlingen und Vertriebenen, aber auch von Zwangsarbeitern - es gab an die 300 in Breyell. Die verdienstvolle Forschungsarbeit an der Gesamtschule zum Schicksal jüdischer Familien spielt in die Dokumentation hinein, die im Turm präsentiert wird. "Ich glaube, wir haben Grabsteine so mit Leben gefüllt", stellte Rankers fest.

Gemeinschaftlich wollen in der Alten Kirche die Verkehrs- und Verschönerungsvereine Lobberich und Hinsbeck ihre Dokumentation ausbreiten. Auch in Hinsbeck wurden nach Angaben von Heinz Koch Einzelschicksale untersucht, Dokumente gesammelt, neu bewertet und eingeordnet. Nachgezeichnet wird die konkrete Lebensgeschichte eines Hinsbeckers, erinnert wird an die zahlreichen Kriegsgefangenen, die in Zwangsarbeit auf den Feldern tätig sein mussten. Besonders intensiv hat Koch auch nach Fotos der Toten des Ersten Weltkriegs gefahndet. "Wir wollten diesen Menschen heute wieder ein Gesicht geben", sagte er. Im Zweiten Weltkrieg gab es dafür zu viele Opfer.

Quelle: RP
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