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Neukirchen-Vluyn
Wo Martin Luther im Alltag zu finden ist

Neukirchen-Vluyn. 2017 jährt sich die Reformation zum 500. Mal. Beim Neujahrsempfang des Erziehungsvereins führte der Theologie-Professor Johannes Eurich aus, wie Luthers Ideen unser heutiges Leben beeinflussen. Von Jana Marquardt

In der Kinder- und Jugendhilfe setzen sich die Mitarbeiter des Neukirchener Erziehungsvereins täglich mit frühesten Prägungen auseinander. "Das nennen wir Biografie-Arbeit", erklärt Pfarrer Hans-Wilhelm Fricke-Hein, Direktor des Erziehungsvereins. Er schaut Prof. Dr. Johannes Eurich, der in der ersten Reihe der Aula des Neukirchener Berufskollegs vor seinem Rednerpult sitzt, direkt an. "Und genau das haben sie gerade für uns getan", sagt er. "Wir danken Ihnen herzlich dafür."

Kurz zuvor hatte Johannes Eurich, der in Heidelberg praktische Philosophie und Diakoniewissenschaften lehrt, seinen Vortrag mit dem Titel "500 Jahre Reformation - haben auch nicht religiöse Menschen etwas zu feiern?" beendet. Dreißig Minuten lang hat er ausgeführt, welche Auswirkungen Luthers Taten auf unser heutiges Leben haben.

"Ich habe vieles über Luther gelesen und gehört. Doch wie viel er wirklich auf den Weg gebracht hat, war mir nicht bewusst", sagt die Kreissprecherin der Linken im Kreis Wesel, Ingeborg Lay-Ruder, später bei Häppchen und Kaffee. "Durch Herrn Eurichs Rede weiß ich nun, dass er die Armenfürsorge in Städten auf den Weg gebracht hat und Schulreformator war, sich also dafür eingesetzt hat, dass jeder lesen und schreiben lernt." Besonders erstaunt ist die Politikerin darüber, dass sie die guten Absichten hinter seinen Taten erst jetzt richtig realisiert habe: "Er hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, damit jeder sie lesen kann."

Tatsächlich hat Luther mit seinen 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 an die Türen einer Wittenberger Kirche hämmerte - wobei laut Eurich nicht einmal klar sei, ob er sie nicht doch anklebte oder per Post versandte, das sei "je nach Überlieferung" anders - die wichtigste Einnahmequelle der katholischen Kirche zerstört: Das Prinzip der lateinischen Ablassbriefe wurde unglaubwürdig. Dafür wurde er drei Jahre später samt seiner Anhänger aus der katholischen Kirche ausgeschlossen. Er habe die kirchlichen Autoritäten bestritten und sich allein auf Gottes Wort und sein Gewissen berufen, wie Eurich sagt. Sogar das Zölibat brach er, indem er später eine "entlaufenen Nonne" heiratete.

Die Spaltung des christlichen Glaubens in zwei Konfessionen, das hat Luther zu verantworten. Doch seine Ideen führten nicht nur zu einer Reformation christlichen Glaubens: "Er verabschiedete die Vorstellung von Arbeit als Fluch, von dem alle erlöst werden sollten. [...] Luther trat dafür ein, dass jeder, der arbeiten konnte, auch arbeiten sollte", so Eurich. Und damit nicht genug: Bedürftige sollten nach eingehender Prüfung das Existenzminimum von der Gemeindekasse ausgezahlt bekommen. Reichten die Eingaben der Kassen nicht, sollten alle Bürger einen jährlichen Beitrag zahlen, der sie in ihrem Budget nicht überforderte. "Diese [...] Position hat der Staat bis heute erhalten, indem er einerseits einen Steuerbeitrag von seinen Bürgern für soziale Aufgaben einbehält und andererseits den Empfang sozialer Leistungen mit Auflagen verknüpft", fügte der Theologie-Professor in seiner Rede erklärend hinzu.

"Das sind ganz neue Zusammenhänge, die ich als Katholik nun begreife", befindet der Neukirchen-Vluyner Bürgermeister Harald Lenßen nach dem Vortrag und ergänzt: "Die geballte Darstellung von Herrn Eurich hat mich zum Nachdenken gebracht." Ibrahim Yetim, stellvertretender Moerser Bürgermeister, ist erstaunt, wie sehr Luthers Gedanken auf die heutige Zeit passen: "Daran sehen wir, dass unser heutiges Gemeinwesen immer wieder auf's Neue verteidigt werden muss. Das ist meine Erkenntnis des Tages."

Quelle: RP
 
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