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Neuss
Analyse: Die CDU auf der Suche nach sich selbst

CDU-Versammlung in Neuss: Nickel tritt zurück
CDU-Versammlung in Neuss: Nickel tritt zurück FOTO: Berns, Lothar (lber)
Neuss. Nach der verlorenen Bürgermeisterwahl signalisiert der Neusser CDU-Vorstand den Mitgliedern an der Basis: Wir sitzen alle in einem Boot! Aber er bleibt die Antwort auf die Frage schuldig: Wer ist der Kapitän?

Nichts beschreibt den aktuellen Zustand der Neusser CDU so gut wie der (Kulissen-)Aufbau zur Mitgliederversammlung in der Mensa der Internationalen Schule (ISR): Mehr als 230 Christdemokraten bilden das Plenum, in das sich auch die Vorstandsmitglieder einreihen. Beabsichtigte Botschaft: Wir sitzen alle in einem Boot. Kein Vorstandstisch wie ansonsten, denn der könnte leicht zur Anklagebank werden. So blicken alle, Vorstand inklusive, auf ein Podium mit einem einsamen Stehtisch, an dem vornehmlich zwei Gäste agieren, die kaum einer kennt. Unbeabsichtigte Fragestellung: Wenn wir alle in einem Boot sitzen, wer ist dann der Kapitän?

Nur ein kleines Schriftband mit dem CDU-Logo nahe dem Mikrofon dokumentiert, wer in der ISR-Mensa tagt: die immer noch mitgliederstärkste Partei in Neuss und eben nicht der Kaninchenzuchtverein Westfeld. So viel Bescheidenheit war bei der Neusser CDU selten. Ausgelöst hat sie Reiner Breuer. Der Sozialdemokrat, der die Serie der CDU-Bürgermeister im Rathaus beendete, hat die Christdemokraten in eine tiefe Sinnkrise gestürzt: Wer sind wir - und wenn ja wie viele? Immerhin I: Diese Mitgliederversammlung war professionell vorbereitet. Die Regie kanalisierte das Diskussionsbedürfnis der Mitglieder so, dass am Ende keiner der Verantwortlichen wirklich im Gegenwind stand. Die (beachtliche) inhaltliche Analyse lieferte mit Guido Hitze aus der CDU-NRW-Zentrale ein Externer, der später vom Moderator Thomas van Zütphen, einem ehemaligen Focus-Redakteur, abgelöst wurde. Die Aussprache wurde durch eine Pause unterbrochen, in der die Mitglieder auf "Feedback-Karten" ihre Anmerkungen notieren konnten. Instrumente, die an berufliche Workshops erinnern.

Neuss: So feiert Reiner Breuer seinen Sensationssieg FOTO: Woitschützke, Andreas

Immerhin II: Mit Thomas Nickel hat der unterlegene Kandidat aus der Niederlage persönliche Konsequenzen gezogen und wird sich demnächst aus dem Amt als Erster Stellvertretender Bürgermeister zurückziehen. Vorsitzender Jörg Geerlings übernahm mit seinem Vorstand die "politische Verantwortung" für die Niederlage und kündigt Vorstandsneuwahlen im ersten Quartal des neuen Jahres an. Diese Neuwahl kann aber nur zu einer personellen Erneuerung führen, wenn der aktuelle Vorstand geschlossen zurücktritt. Ob Einzelne dann erneut kandidieren, weil sie glauben, der Neusser CDU in Zukunft helfen zu können, muss jeder für sich beantworten. Das gilt auch für den seit 2005 amtierenden Geerlings, der sich zu seinen Plänen derzeit nicht äußert. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass er weiterhin die Landtagskandidatur in Neuss anstrebt. Andere nennen andere Namen: Dieter Welsink, Andreas Hamacher, Jutta Stüsgen.

Und wie geht es nun weiter? Um Ziele formulieren zu können, benötigt die Neusser CDU noch Zeit. Die jüngste Mitgliederversammlung besaß vor allem Ventilfunktion: Jeder sollte die Möglichkeit erhalten, erst einmal verbal Dampf abzulassen. Aber erste Papiere wurden vorgelegt. Simeon Breuer und die von ihm geführte Junge Union hat sich kluge Gedanken zu einem "Neuen Neusser Schwarz" gemacht - in fünf Arbeitsschritten bis zur Kommunalwahl 2020. Klaus Goder und die Mittelstandsvereinigung drängt einmal mehr auf personelle Konsequenzen, ebenso Ratsherr Heinz Sahnen.

Video: Reiner Breuer (SPD) siegt in Neuss

Es endete wie es seit Jahren bei der Neusser CDU immer endet: Dr. Hüsch fasst zusammen. Seine Gedanken gelten als Beschlussfassung: Der Vorstand trägt die Auswertung der Mitgliederversammlung auf einer weiteren Versammlung vor. Die CDU positioniert sich inhaltlich bis März 2016 neu. Die Fraktion erstellt ein sachliches und personelles Konzept wie sie sich die Ratsarbeit nach dem Wahlsieg von Reiner Breuer (SPD) vorstellt. Neuwahl des Vorstandes bis März 2016. Am Ende stand der Kapitän i. R. wieder auf der Kommandobrücke. Wer sonst, so möchte man fragen, wenn nicht der Altmeister? Aber Hüsch ist 86.

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Das waren die Aufreger der Bürgermeisterwahl 2015 FOTO: dpa, obe nic
Quelle: NGZ
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