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Neuss
Häusliche Gewalt nimmt zu - Frauenhaus am Limit

Neuss: Häusliche Gewalt nimmt zu - Frauenhaus am Limit
FOTO: Thinkstock
Neuss. Das Neusser Frauenhaus ist aktuell ausgelastet, die Polizei vermeldet einen Anstieg an Fällen häuslicher Gewalt im ersten Halbjahr 2016. Von Simon Janssen

Es ist voll in dem Haus, dessen Adresse nur die wenigsten Neusser kennen. Alle 20 Plätze sind belegt mit Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben. Acht Frauen plus Kinder. In diesen Räumen finden sie Schutz. Doch aktuell muss das Team des Frauenhauses Neuss weitervermitteln sobald das Telefon klingelt und verzweifelte Frauen um Zuflucht bitten. "Wir geben ihnen dann Telefonnummern von anderen Einrichtungen", erklärt Leiterin Elke Kronen, die erklärt, dass eine Auslastung keine Seltenheit sei. "In den letzten Jahren haben wir eine hohe Inanspruchnahme der Einrichtung", sagt Kronen. Ein Grund sei, dass das Thema häusliche Gewalt gegen Frauen ein stückweit enttabuisiert wurde - auch durch die Einrichtung des Sozialdienstes Katholischer Frauen Neuss.

Die Polizei vermeldet einen leichten Anstieg an Fällen häuslicher Gewalt. Wurden im ersten Halbjahr 2015 in Neuss insgesamt 145 Fälle festgestellt, waren es in der ersten Hälfte dieses Jahres 151. "Diese Zahlen beinhalten jedoch auch die Fälle, in denen Kinder oder Männer die Opfer waren", erklärte Polizeisprecher Hartmut Batz auf Nachfrage unserer Redaktion. Nicht immer würden Fälle häuslicher Gewalt umgehend zur Anzeige gebracht.

Das Schweigen der Opfer der "am häufigsten verschwiegenen Menschenrechtsverletzung" ist laut Elke Kronen ein verbreitetes Phänomen. Erst am Mittwoch präsentierte das fünfköpfige Team des Neusser Frauenhaus in der Innenstadt ein kurzes Schauspiel, das ohne Worte verdeutlichen sollte, dass das Thema häusliche Gewalt oft unter den Teppich gekehrt wird. Dazu legten die Mitarbeiterinnen kleine Holztäfelchen auf die Straße, die mit Begriffen wie "benutzt", "gewürgt" oder "eingeschüchtert" beschriftet waren. Symbolisch wurden die Holzstücke im Anschluss mit einem Besen unter einen echten Teppich gekehrt. "So wollen wir den Menschen das Problem näherbringen", erklärte Elke Kronen. Anlass der Aktion war der 30. Geburtstag des Frauenhauses. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die Einrichtung 2622 Frauen und 3148 Kindern Schutz geboten.

Ein Umzug in neue, größere Räumlichkeiten wäre bei der häufigen Auslastung eigentlich ein logischer Schritt - der finanziell jedoch nicht realisierbar ist. Seit 30 Jahren muss der Sozialdienst Katholischer Frauen fast jährlich um den Erhalt der Einrichtung kämpfen und Fördermittel beantragen. Sie wird mischfinanziert von der Stadt, vom Rhein-Kreis Neuss und vom Land Nordrhein-Westfalen.

Nach Angaben von Landrat Hans-Jürgen Petrauschke, der bei der Präsentation in der Innenstadt ebenfalls vor Ort war, hängt die regelmäßige Auslastung des Frauenhauses auch mit der aktuell schwierigen Situation auf dem Wohnungsmarkt zusammen. Manche Frauen müssten schließlich erst eine neue Wohnung finden, bevor sie die Räumlichkeiten verlassen können - sofern sie nicht zu ihrem Mann zurückkehren. "Die Suche nach Anschlussmöglichkeiten bei der Unterbringung ist schwieriger geworden. Auf dem Wohnungsmarkt ist kaum noch etwas Preisgünstiges zu finden. Deswegen ist die Verweildauer in manchen Fällen auch länger als früher", sagt Petrauschke.

Kronen und ihr Team stellen jedoch nicht nur Räumlichkeiten zur Verfügung, sondern sind ebenfalls beratend tätig. "Wenn sie sich aus einer gewalttätigen Beziehung lösen wollen, dann ist das bei uns möglich. Wir begleiten die Frauen dabei, eine tragfähige Entscheidung zu finden, wie sie ihr Leben gewaltfrei gestalten können", sagt die Leiterin.

Quelle: NGZ
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