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Neuss
Neusser Unterwelt

Neuss: Neusser Unterwelt
Konstantin Wienstroer hat im "Stiftskeller" eine Salzgrotte eröffnet, die von vielen Neusser genutzt wird. Dort wird auch ein Tee oder ein Glas Wein angeboten. FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)
Neuss. Ein mittelalterliches Gewölbesystem durchzieht das Quirinusviertel.Gastronomie ist dort heimisch, auch ein Antiquariat und eine Salzgrotte.

Die Zeichnung an der Wand des Stiftskellers, der heute als Salzgrotte genutzt wird, ruft es in Erinnerung: das ehemalige Stift reichte bis direkt an die Nordseite der Quirinuskirche, dort wo vor Jahren die moderne Sakristei angebaut wurde. Wem das mittelalterliche Stadtbild bewusst ist, der versteht besser, was er im Quirinusviertel der Gegenwart entdeckt. Dazu gehören geheimnisvolle Gewölbe, unterirdische Verbindungen von Haus zu Haus und Kellersysteme, die überraschend nicht mit den oberirdischen Grundrissen der Gebäude korrespondieren.

Es ist schon ein besonderes Erlebnis. Wer im Gewölbe des Restaurants "Pozo Quirino" einen Nischenplatz wählt, dem trampeln die Neusser auf dem Kopf herum. Denn während der Gast unten portugiesische Köstlichkeiten probiert, eilen oben ahnungslose Passanten auf der Münsterstraße ihrem Ziel entgegen. Das pittoreske Quirinusviertel ist klein, aber es strahlt den Charme einer Altstadt aus. Seine "Unterwelt" durchzieht ein Gewölbesystem, das heute gastronomisch und privat genutzt wird oder einfach brach liegt. Nur dem, der auch die richtigen Schlüssel besitzt, erschließt sich das komplette Netz.

Die Krypta der Quirinusikirche lohnt einen Besuch. Sie ist allerdings nur eingeschränkt zugänglich. FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Dieser Teil des "unterirdischen Neuss" ist der heute noch erlebbare Bereich des einst stadtprägenden Klosters. Weitere Reste mittelalterlicher Gewölbe sind an der Klarissenstraße oder nahe dem Obertor zu finden. Besonders eindrucksvoll sind aber die unterirdischen Anlagen im Quirinusviertel, obwohl das Damenstift seit Beginn des 19. Jahrhunderts aus dem Stadtbild gänzlich verschwunden ist. Die Gründung des Klosters, das später in ein Damenstift umgewandelt wurde, wird um 850 datiert. Im Stift wohnten Frauen, meist aus wohlhabenden Familien, auf Zeit. Sie konnten jederzeit wieder ausziehen. 1794 besetzten französische Truppen Napoleons die Stadt, setzten eine Trennung von Kirche und Staat durch. In jener Zeit der sogenannten Säkularisierung wurde kirchlicher Besitz eingezogen. Eine Folge war auch, dass das Stift aufgelöst und das Klostergebäude nach 1802 dem Erdbogen gleichgemacht wurde.

Wer sich heute auf Spurensuche begibt, der muss in die Unterwelt hinabsteigen. Mauerreste aus der Spanne zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert, die dort verborgen liegen, geben Zeugnis von der hochwertigen Ausstattung des ehemaligen Klosters.

Neuss: Hier sind wir zu Hause FOTO: Georg Salzburg

Vor gute dreißig Jahren fiel dem Architekten Rudolf Küppers auf, dass die oberirdische Bebauung und Parzellierung im Quirinusstift nicht mit den Kellermauern identisch ist. Küppers schuf Klarheit, in dem er den heutigen Katasterplan über den Stiftsplan von 1802 legte. Seither weiß man, dank Küppers, dass es sich bei den Gewölben um den Kreuzgang des Klosters und um Lagerkeller des ehemaligen Gebäudekomplexes handelt.

Totenkopf aus Bronze und Skelett aus Plastik sind nur Dekoration, erhöhen aber den "Gruselfaktor" im Kellergewölbe des Antiquariats, das dort an der Quirinusstraße Cornelia und Erich Storch bereits seit 2004 betreiben. Wer höflich fragt, darf einen Blick in den Keller werfen, der von Zeit zu Zeit für Lesungen genutzt wird. Ein paar Meter weiter hat Konstantin Wienstroer im "Stiftskeller" eine Salzgrotte eingerichtet. Kunden erfahren dort "Neuss unterirdisch", aber auch wer nur auf einen Tee oder ein Glas Wein hinabsteigt, erhält eine Vorstellung von der Atmosphäre in der Neusser Unterwelt.

Ebenso ist dies neugierigen Neussern und ihren Gästen möglich, wenn sie sich im Restaurant "Pozo Quirino" zum Essen und Trinken "unter Tage" begeben. Wer will, der kann auch die Krypta der Münsterbasilika in seine Erkundungstour durch das unterirdische Gewölbesystem mit einbeziehen. Die Krypta ist ab und an bei Messen und Andachten geöffnet; für allgemeine Besuche ist sie nur am späten Samstagvormittag zugängig. Aber sie lohnt ebenso wie alle anderen "Unterwelten" im Quirinusviertel einen Besuch. Ludger Baten

Quelle: NGZ
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