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Serie Kriegsende und Neuanfang im Rhein-Kreis Neuss (7)
Orte der Angst

Serie Kriegsende und Neuanfang im Rhein-Kreis Neuss (7): Orte der Angst
FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)
Neuss. Die steile Treppe mit ihren schmalen Stufen führt rund sechs Meter in die Tiefe - und unten angekommen wähnt sich der Besucher, der zum ersten Mal die geheimnisumwitterten Räume betritt, zunächst an einem sehr fremden Ort. Für Stefan Engels ist der Abstieg in die Neusser Unterwelt hingegen Routine. Von Martin Oberpriller

"Sie müssen aufpassen, dass Sie sich nicht den Kopf stoßen", sagt der Mitarbeiter der Abteilung Liegenschaften bei der Stadt Neuss. Mit einer Taschenlampe leuchtet Engels das düstere Gewölbe aus, das sich im Schein der Leuchte plötzlich wie aus dem Nichts vor ihm aufzutun scheint.

Der Bunker Kölner Straße in Neuss-Gnadental gehört zu den kleineren Schutzräumen, die bis heute erhalten sind. Über das gesamte Stadtgebiet verteilt und auch in den anderen Gemeinden des Rhein-Kreises finden sich diese Weltkriegsrelikte mit ihren dicken Betonwänden. Allein das Liegenschaftsamt Neuss ist für 33 Erdbunker verantwortlich. Und dazu kommen noch Hochbunker wie etwa jener an der Adolf-Flecken-Straße.

FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Gerade die kleineren Schutzbauten sind jedoch inzwischen häufig in Vergessenheit geraten. So auch der Erdbunker in Gnadental, der versteckt zwischen Wohnhäusern und einer Grünanlage liegt. Nach dem Krieg gab es für ihn über viele Jahre keine Verwendung. Später dann wurden die Räume als eine Art Partykeller genutzt. Vergilbte Bilder an den Wänden und einige gestapelte Kisten erinnern an diese Zeit. Allerdings ist das inzwischen auch schon wieder Jahre her - und seitdem steht der kleine Bunker leer. Die eiserne Tür ist durchgerostet, Sträucher haben den Eingang überwuchert, die Betonwände sind von Moos überzogen.

Gleichwohl täuscht der scheinbare Dornröschenschlaf des Bunkers über dessen wirkliche Geschichte hinweg. Die Bunker waren vor 70 Jahren vor allem eines: Orte der Angst. Allein Neuss erlitt während des Zweiten Weltkrieges sowie bis zur Kapitulation des "Dritten Reiches" zehn schwere Luftangriffe. Wenn die Sirenen damals Alarm gaben, zählte jede Sekunde. Die Menschen mussten irgendwo Schutz suchen, wollten sie nicht im Bombenhagel sterben. Die Bunker waren dann häufig letzte Zufluchten.

Dabei haben die Bauten - auch in der Region - eine Vorgeschichte. Schon lange vor 1939 hatte das NS-Regime mit den Kriegsvorbereitungen begonnen. In Neuss fand 1936 eine "Luftschutz-Alarm-Übung" statt. Auf einem Merkblatt bekamen alle "Haushaltsvorstände" Anweisungen, was bei Angriffen zu tun sei. Ab 1937 setzte das Regime für einzelne Nachbarschaften dann sogenannte Luftschutzblockwarte ein. Keller wurden mit Holzbalken verstärkt und erste Bunker errichtet. Beispielsweise bauten die Nazis in Neuss nach der Zerstörung der Synagoge an gleicher Stelle einen Schutzraum.

Als der Krieg schließlich begann, fanden in den Bunkern bei Angriffen Hunderte Schutz. Auf engstem Raum drängten sich Männer, Frauen, Kinder und alte Menschen. Doch der Platz war begrenzt. Wer zu spät kam, fand keinen Einlass - und war den Fliegern ausgeliefert. Deshalb richteten auch Privatleute Schutzräume ein. "Unser Luftschutzkeller war eine Waschküche", erinnert sich Zeitzeuge Helmut J. Bräutigam, der 1945 als Fünfjähriger im Neusser Stadtteil Furth die Befreiung erlebte. Vor der Waschküchenfenster hatte die Familie eine dicke Mauer gebaut, die bei Angriffen die Druckwelle auffangen sollte.

FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Absolute Sicherheit boten aber weder solche Schutzräume noch öffentliche Bunker. Oft wurden die Menschen, wenn sie nach einem Angriff wieder ans Tageslicht kamen, von Tieffliegern getötet - etwa in Grimlinghausen, nur wenige Kilometer von dem kleinen Bunker an der Kölner Straße entfernt, wo es noch am 5. März 1945 Tote zu beklagen gab. In den Bunkern selbst herrschte eine bedrückende Atmosphäre. Vielfach schikanierten die "Bunkerwarte" als Helfer des Regimes die Menschen. Noch in den letzten Kriegstagen wurden Männer aufgefordert, statt in einen Bunker zum "Einsatz beim Volkssturm" zu gehen. Anderen wiederum wurde der Zutritt zu den Bunkern von vornherein verweigert. "Zwangsarbeiter waren auf das Wohlwollen der Deutschen angewiesen", sagt der Neusser Stadtarchivar Jens Metzdorf.

Nach 1945 fanden die Bunker unterschiedliche Verwendung. So wurden im Hochbunker an der Bergheimer Straße in Neuss-Reuschenberg (rechtes Bild) in der Nachkriegszeit Gottesdienste gelesen. Oder die Bauten gerieten, wie der Erdbunker an der Kölner Straße, für viele Jahre in Vergessenheit.

Quelle: NGZ
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