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Neuss
TaS transportiert Thoreau ins Jetzt

Neuss: TaS transportiert Thoreau ins Jetzt
Theater am Schlachthof Premiere "Die Seele schleift im Schmutz" mit Marlene Zilias als Studentin und Bertolt Kastner als Obdachlosem. FOTO: TaS
Neuss. Das Stück "Die Seele schleift im Schmutz" nähert sich den Lebensfragen an. Von Elena Burbach

Passend zur Neusser Themenwoche schwimmt auch das Theater am Schlachthof mit der Premiere von "Die Seele schleift im Schmutz" unter der Regie von Wolfgang Wirringa "gegen den Strom". Das literarisch-musikalische Stück befasst sich anlässlich seines 200. Geburtstages mit den Texten Henry David Thoreaus.

Wer bin ich? Was kann ich? Wie werde ich glücklich? Es sind solche Fragen, die sich wohl jeder in seinem Leben einmal stellt und dauerhaft zu beantworten versucht. In "Die Seele schleift im Schmutz" nähern sich die Schauspieler Bertolt Kastner und Marlene Zilias diesen kompliziert erscheinenden Fragen, ohne den Zuschauer dabei zu verlieren. Das Stück erzählt die Begegnung zwischen einer jungen Geigerin (Zilias) und einem Obdachlosen (Kastner) im Hier und Jetzt und lässt die 160 Jahre alten Texte des amerikanischen Schriftstellers aktueller denn je erscheinen. Kastner, der in seiner Rolle als Obdachloser den modernen Aussteiger in echter Thoreau-Manier verkörpert, schafft es mit gezielten Auszügen aus berühmten Werken wie "Walden" oder "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" der jungen Musikerin und gleichzeitig dem Publikum ins Gewissen zu reden. Denn Zilias Rolle als junge Studentin, die mit ihrem Werdegang unzufrieden ist und sich mit dem Geigenspiel auf der Straße etwas dazu verdient, trifft die Zerrissenheit einer ganzen Generation ins Mark. Auf der einen Seite besteht der Zwang, alles so zu machen, wie es die Allgemeinheit tut. Das geht so weit, dass man die Dinge irgendwann nicht mehr hinterfragt - Selfies machen etwa, modische Kleidung kaufen oder Steuern zahlen, "weil man das eben so macht." Allen Gewohnheiten der jungen Frau begegnet der Obdachlose mit Thoreau-Weisheiten, wie "Hüte dich vor allen Unternehmen, die neue Kleidung erfordern" oder ganz simpel "vereinfache!".

Die andere Seite strebt nach dem kompliziertesten aller Bedürfnisse, der Selbstverwirklichung entgegen aller Norm. "Gegen den Strom, irgendwo an der Quelle ankommen, das möchte ich", bringt die Straßenmusikerin schließlich auf den Punkt. Mit wirren Projektionen, Zilias Geigenspiel und Kastners Ironie im Spiel bettet Wirringas Inszenierung Thoreaus Texte gekonnt in die heutige Zeit ein.

Quelle: NGZ
 
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