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Michael Hollmann
Tradition ist stylisch

Neuss. Bolten-Chef Michael Hollmann spricht über Bügelflaschen, alkoholfreies Bier, Muure Jubbel, das neue Neusser "Schützenbräu" und seinen Traum für das Bolten-Gelände in Korschenbroich.

Wenn man sich umschaut, hat man das Gefühl, dass die Traditionsgaststätten eine Renaissance erleben. Funktioniert Tradition wieder, wenn man es richtig macht?

Michael Hollmann Ja! Wichtig ist, dass die Qualität in Ordnung ist und das Objekt gut gestaltet ist. Jöris und das St. Vith laufen gut.

Haben die Gäste wieder Lust auf Traditionelles wie Kohlroulade oder Muure Jubbel?

Hollmann Bodenständige Gastronomie ist aktuell sehr gefragt. Insbesondere unsere niederrheinische Küche wird gut angenommen. Es gibt Gastronomien, die Haxentage anbieten, wie zum Beispiel Hülser in Helenabrunn.

Übernehmen Sie gezielt Traditionshäuser, um Konkurrenten auszuschließen?

Hollmann Nein! Ich habe das St. Vith und Jöris aus Überzeugung übernommen und nicht, um jemanden auszuschalten. Ich bin sicher, dass es tolle Objekte sind, die zu uns und zur Stadt passen. Wir müssen in Mönchengladbach etwas tun, um ein attraktives gastronomisches Angebot zu schaffen, damit wieder mehr Menschen in die Stadt kommen. Aus diesem Grund habe ich es gemacht und nicht, um jemanden auszuschließen.

Das klingt nach Erfolgsmodell. Werden Sie weitere Häuser übernehmen?

Hollmann Das Problem ist, dass wir Schwierigkeiten haben, solche Objekte zu finden. Es gibt nicht so viele schöne alte Traditionshäuser. Viele Eigentümer pflegen die Objekte leider nicht vernünftig. Wenn man viel Geld in die Hand nimmt, muss es schon etwas Besonderes sein.

Sind Tradition und Event die großen Themen in der Gastronomie, die funktionieren?

Hollmann Grundsätzlich ja! Wichtig ist, dass die Qualität und der Preis stimmen, denn die Gäste sind sehr preisbewusst. Wenn es dann noch gemütlich ist, klappt es gut.

Wie kann Gastronomie die Service-Qualität halten?

Hollmann Es ist selten so schwer wie heute gewesen, gutes Personal zu finden. Egal ob für den Service oder für die Küche. Das hängt sicher auch mit den Arbeitszeiten zusammen. Man arbeitet oft am Wochenende oder abends. Natürlich spielen auch der Arbeitgeber und das Objekt eine wichtige Rolle. Aber es gibt durchaus noch motivierte und gute Leute, die in der Gastronomie arbeiten wollen.

Sie setzen konsequent auf Regionalität. Beschränken Sie sich dadurch nicht?

Hollmann Wir haben uns vorerst auf die Fahne geschrieben im Umkreis von 100 Kilometern zu arbeiten. Da entwickeln wir uns sehr gut, und ich bin im Moment zufrieden. Diese Arbeit möchten wir erst vernünftig fortfahren. Daher sehe ich es im Augenblick nicht, darüber hinaus zu expandieren. Für uns ist es entscheidend, in der Region gut verwurzelt zu sein.

Muss man, wenn man das Bier als modernes Lifestyle Getränk positionieren will, die Palette breiter machen?

Hollmann Warum? Wir sind mit unserer 0,33 l-Bügelflasche sehr stylisch. Das mögen die Leute. Ich persönlich mag sie auch. Ich würde allerdings gerne noch ein Natur-Radler anbieten. Dazu brauche ich allerdings noch einen Pasteur. Den haben wir leider zurzeit nicht. Daher wird daraus erst mal nichts. Aber die Idee gibt es weiterhin.

Braucht Bolten ein alkoholfreies Bier?

Hollmann Es gibt zurzeit kein alkoholfreies Alt, weil die Nachfrage nicht so hoch ist. Es gibt zwei Möglichkeiten, ein alkoholfreies Bier herzustellen. Man kann die Gärung unterbrechen, dann ist es aber kein Vollbier mehr und es schmeckt meiner Ansicht nach nicht. Oder man entzieht dem fertigen Bier nachher den Alkohol. Dazu benötigt man eine Entalkoholisierungsanlage, deren Anschaffung aber sehr teuer ist und sich für uns derzeit nicht lohnt. Ich möchte nichts Halbes machen.

Wird die Bolten-Brauerei mal eine Limonade herausbringen?

Hollmann Wir haben kein Mineralwasser auf unserem Grundstück. Wir haben zwar einen Brunnen auf dem Grundstück, aber kein Mineralwasser. Das müsste ich zukaufen, dann ist das Produkt nicht mehr von uns. Dann kann ich es auch lassen.

Wie hat sich der Absatzmarkt von Pils, Hefe und Alt entwickelt? Ist der Altmarkt kleiner geworden?

Hollmann Der Altbiermarkt ist kleiner geworden. Pils und Weizen sind im Augenblick relativ stabil. Der Juli war im Vergleich zum Vorjahr für das Brauwesen sehr schlecht. Für uns allerdings Gott sei Dank nicht so. Wir sind gut unterwegs und treffen den Geschmack der Kundschaft. Das hat für mich auch etwas mit dem Craft Beer zu tun. Auch wir sehen uns als Craft Beer-Brauerei. Dieser Trend hat dem Bier gutgetan, es hat das Ganze modernisiert und wertiger gemacht.

Wie wirkt sich die Vertragsunterzeichnung mit den beiden großen Korschenbroicher Bruderschaften, den Sebastianern und den Junggesellen aus?

Hollmann Ich war zu Anfang etwas nervös, ob bei den Veranstaltungen alles gut läuft und es den Leuten schmeckt. Aber wir hatten eine sehr positive Resonanz. Ich glaube, es ist ein weiteres Mosaiksteinchen für unsere Zukunft.

Mit dem "Schützenbräu" ist die Bolten-Brauerei erstmals beim Neusser Schützenfest vertreten. Sind Sie mit dem Start zufrieden und welche Strategie verfolgen Sie langfristig?

Hollmann Die Neusser Schützen sind auf uns zugekommen. Wir haben die Anfrage gerne zum Anlass genommen, mit den Schützen ein schmackhaftes Bier speziell für das Neusser Schützenfest zu brauen. Darüber hinaus gehende Planungen sind zurzeit nicht vorgesehen.

Was für eine Rolle spielt Brauchtum für eine Brauerei?

Hollmann Eine große. Da ist der Karneval, der sehr wichtig für uns ist. Wobei da gerade ein Umbruch im Gange und auch nötig ist. Es wäre gut, wenn sich kleine Vereine mit ihren Veranstaltungen zusammenschlössen, um ein größeres Publikum anzusprechen. Die Schützen laufen nach wie vor gut. Der Zulauf, auch an jungen Menschen ist groß. Wir haben auch in Düsseldorf etliche große Schützenfeste. Da können wir gut mitreden.

Wie wichtig ist das Engagement bei Borussia Mönchengladbach?

Hollmann Das ist einmal Verbundenheit mit dem Verein und natürlich auch wichtig für unser Geschäft. Borussia kommt einfach gut rüber und ist ein wichtiger Botschafter für unsere Stadt und natürlich auch für Bolten.

Ist das gerade eine gute Zeit für Mönchengladbach?

Hollmann Ich habe schon sehr lange und deutlich das Gefühl, dass sich etwas bewegt. Alle Beteiligten arbeiten daran. Wenn wir das durchhalten, haben wir eine echte Chance voranzukommen.

Wie wollen Sie Ihr Traditionsunternehmen in den kommenden Jahren aufstellen?

Hollmann Ich hoffe, dass es so weiter geht. Ich möchte gerne gegenüber der Brauerei eine kleine Gastronomie mit einem Boardinghouse eröffnen. Biergarten und Innengastronomie sollen zusammengeführt werden. Die Gäste sollen unabhängig vom Wetter kommen können. In der neuen Gastronomie wird es möglich sein zu tagen, zu essen und die Brauerei zu besichtigen. Eventuell werde ich auch Bierverkostungen anbieten. Das wäre mein Traum.

RALF JÜNGERMANN, RUTH WIEDNER-RUNO UND EVA BACHES FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: NGZ
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