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Radevormwald
Eine Lebensperspektive durch den Sport

Radevormwald. Benjamin Lenatz sitzt nach einem Unfall seit 13 Jahren im Rollstuhl. Das hält ihn aber nicht davon ab, mit sportlichen Höchstleistungen zu glänzen. Der für die Sportlerwahl nominierte Para-Triathlet hat seinen Alltag dem Sport angepasst. Von Markus Plüm

Der Kalender ist sein ständiger Begleiter. Ohne genaue zeitliche Planung geht nichts. "Die Zeiten sind eng getaktet, das ist eine tägliche Herausforderung, alles unter einen Hut zu bekommen", sagt Benjamin Lenatz zu seinem Tagesrhythmus. Denn der 31-jährige Wermelskirchener, der in Radevormwald groß geworden ist, hat beinahe sein komplettes Leben dem Sport verschrieben - und gehört als Para-Triathlet nicht nur zu einem der besten seiner Zunft, sondern gilt als einer der besten deutschen Sportler mit Handicap. Erst 2013 kam er durch seine Freundin Frauke Seidel, die wie er Mitglied im Radevormwalder Tri-Team ist, zu dem Sport, schon 2015 wurde er Deutscher Meister über die Sprintdistanz und im Supersprint, zudem feierte er den Europameistertitel im Aquathlon.

Als ob das nicht schon reichen würde, war Lenatz bis vergangenen Sommer auch Teil des Bundesligateams der Köln 99ers im Rollstuhlbasketball. Doch damit musste er schweren Herzens aufhören. "Es kam der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, ob ich den Triathlon ernsthaft betreiben will. Da war Rollstuhl-Basketball leider nicht mehr drin." Diese Sportart war es, die ihm im Jahr 2003 eine Perspektive gab. Denn damals geriet der gerade 18-Jährige mit einem Quad in den Gegenverkehr, stürzte auf den Rücken und erlitt vom Bauchnabel abwärts eine inkomplette Querschnittslähmung.

Bereits in der Klinik sei er damals in Berührung mit dem Rollstuhl-Basketball gekommen. "Das habe ich als Motivation gesehen, mich nicht hängen zu lassen. Ich wollte so weit wie möglich eigenständig sein. Aber vielleicht kam mir zu Gute, dass ich schon immer ein recht zielstrebiger Mensch war", sagt Lenatz. Doch vor drei Jahren kam mit dem Triathlon dann eine weitere Leidenschaft hinzu. Er war sofort Feuer und Flamme, durch intensive Unterstützung vieler Menschen wurde er schnell besser. Vorläufiger Höhepunkt: die Meistertitel im vergangenen Sommer.

Für Lenatz nur ein Zwischenschritt. Er strebt nach Höherem: "Ich möchte in Zukunft an den Paralympischen Spielen teilnehmen. Für Rio dieses Jahr wird es aufgrund meiner Ranglistenpunkte wohl nicht mehr reichen, aber Tokio 2020 ist das Ziel." Damit daraus etwas wird, trainiert er aktuell zwischen 16 und 20 Stunden pro Woche - neben seinem normalen Job als Flüchtlingsbetreuer der Stadt Bergisch Gladbach. "Momentan finden keine Wettkämpfe statt, da heißt es für mich natürlich trainieren, trainieren, trainieren. Im Verlauf des Jahres verringert sich dann die Zahl der Einheiten."

Unterstützung erfährt er nicht nur von seiner Freundin, sondern auch von einem vierköpfigen Trainerteam. Ein Physiotherapeut kümmert sich um seine Wehwehchen, ein Athletiktrainer bringt ihn an Geräten in Form. Und seine Trainingspläne erstellen zwei Experten von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Ein professionelles Fundament, das nicht ohne Hintergedanken aufgebaut wurde: "In Zukunft möchte ich in der Lage sein, zumindest eine Zeit lang vom Sport leben zu können." Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Sponsoren müssen gesucht werden, die sozialen Netzwerke wollen gepflegt sein. Viel Zeit für alltägliche Dinge bleibt da nicht. "Für andere Hobbies habe ich eigentlich keinen Freiraum mehr." Auch gemeinsame Abende mit Freunden sind rar gesät. "Wenn, dann versuche ich, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbringen, und wir gehen etwas essen."

Einen gemeinsamen Urlaub haben er und Freundin Frauke bislang nicht miteinander verbracht. "Keine Zeit." Aber wenn dann doch einmal etwas mehr Zeit ist als sonst, freut er sich auch über Banalitäten. So wie die Möglichkeit, alltägliche Dinge einmal ohne Zeitdruck erledigen zu können. "Doch letztlich mache ich das alles ja, weil ich es liebe."

Natürlich gilt es für Benjamin Lenatz auch, schwierigere Zeiten durchzustehen, Zweifel zu überwinden. Diese Tage, an denen wirklich gar nichts funktionieren möchte, abzuhaken und nach vorne zu blicken. "Vergangene Woche hat mein Auto seinen Geist aufgegeben, das schränkt enorm ein. Aber die Liebe zum Sport lässt das alles wieder vergessen", sagt der 31-Jährige.

Nun überwiegt erst einmal die Freude über die Nominierung zur Sportlerwahl: "Das empfinde ich durchaus als Ehre. Als Einzelsportler ist das ja immer so eine Sache, wenn gleichzeitig auch Teams nominiert sind. Aber ich bin stolz darauf, überhaupt zur Wahl zu stehen und hoffe natürlich, dass sich möglichst viele für mich entscheiden."

Quelle: RP
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