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Radevormwald
Mieter bilden Allianz gegen Altro Mondo

Radevormwald: Mieter bilden Allianz gegen Altro Mondo
An der Dietrich-Bonhoeffer-Straße in der Südstadt türmen sich regelmäßig Müllberge, seitdem die Firma Altro Mondo der Hauseigentümer ist. Sie bedroht Mieter per Mahnschreiben. Doch die wehren sich gemeinsam. FOTO: Jessica Balleer
Radevormwald. Nachdem bereits Mieter "Auf der Brede" mit dubiosen Mietrückständen konfrontiert wurden, sind nun auch Rader in der Südstadt betroffen. Angst, aber auch viel Wut prägen die Gefühlswelt. Die BM hat einige Mieter vor Ort besucht. Von Jessica Balleer

Die 57-Jährige steht auf dem Balkon und zieht an ihrer Zigarette. Seit zehn Jahren schaut sie von hier aus ins Grün, mitten in der Rader Südstadt. "Die Aufteilung der Wohnung, die Lage, der Preis", schwärmt sie Besuchern immer vor, "alles top." Doch seit einigen Monaten ist nicht mehr alles "top". Heute ist es ein angespanntes Rauchen, Stehen und Schauen an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße. Der Grund liegt verdeckt auf dem Esstisch der 56 Quadratmeter großen Wohnung: Ordentlich abgeheftet und mit Datum versehen liegen sie da, die Mahnbriefe des Wohnungseigentümers Altro Mondo, der angeblich ausstehende Mieten einfordert und auf Antwortschreiben nicht reagiert. "Ich lasse mich aber nicht unterkriegen", sagt die Mieterin. Und nimmt noch einen tiefen Zug an der Zigarette.

Zu schön waren die Jahre, als die Zwangsverwalter im Haus das Sagen hatten. Die moderne Vorstadtidylle, als Deutsche, Afrikaner, Kroaten und Türken in dem Hochhaus miteinander lebten. Doch Anfang des Jahres kommt Altro Mondo - und bringt die Probleme. Das Gelände verwahrlost. Müll türmt sich, das Unkraut steht hier hüfthoch. Die Missstände machen die taffe, resolute Frau wütend. Und die Mahnungen? "Burner", "Knaller" oder "Haben die sie noch alle?", kommentiert sie die Briefe. Statt zu resignieren, setzt sie dreiseitige Antwortschreiben auf, gründet eine Facebook-Gruppe.

Als sie da am Computer sitzt und die 120 Bilder von Unrat und Müllbergen zeigt, mischen sich aber auch nachdenkliche Töne bei. "Was, wenn es mal nach Gas riecht oder Wasserrohre brechen?" Ansprechpartner gebe es nicht. Diese Gedanken, die sie schildert, sind Frank Jumpertz (52) längst bekannt. Seit drei Jahren lebt er mit Frau, Kindern und Hund "Auf der Brede". Auch hier verwahrlost die Wohngegend. Im Keller lagern brennbare, alte Möbel. "Ruck-Zuck"-Sanierung und Mahnbriefe sind der Alltag seit September 2015. Im Internet habe er recherchiert und ähnliche Fälle in Wuppertal, Duisburg oder Hannover gefunden. Seit Monaten also ist auch im Radevormwalder Westen Altro Mondo ein rotes Tuch. Sie übt Druck auf Mieter aus, die teils seit 40 Jahren in den Wohnungen leben. Einige "Auf der Brede" sind diesem Druck erlegen. "Ich kenne drei ältere Damen, alle über 70 Jahre alt", sagt Frank Jumpertz, "die haben den angeblichen Fehlbetrag überwiesen. Sie wollen einfach ihre Ruhe haben, heißt es von ihnen." Aus Überforderung hätten sie gezahlt. Aus Scham schlössen sie die Wohnungstür, blockten ab. "Genau darauf sind die aus!", sagt Jumpertz.

Mittlerweile würden sogar Keller und Wohnungen separat vermietet. Fremde Menschen durchqueren regelmäßig die Hausflure. Doch ausziehen ist noch keine Option. Auch sein Gefühlsleben ist geprägt von diesem Zwiespalt: "Die Aufteilung der Wohnung, die Lage, der Preis", schwärmt auch Jumpertz. Und erzählt im nächsten Moment, dass die Mieter längst einen Anwalt an der Seite haben. Wie die Mieterin von der Dietrich-Bonhoeffer-Straße, hat auch er alle Daten und Briefe in einem Aktenordner gesammelt. Viele solcher Ordner dürften auf Rader Küchentischen liegen, jederzeit bereit, als Beweismittel im Rechtsstreit ihren Dienst zu tun. Die bedrohten Mieter haben sich zu einer Allianz zusammengeschlossen. Hunderte Fotos, Schreiben und Kommentare sind das Ventil für ihre große Wut. Und sie wehren sich gegen die Mahnbriefe - in der Hoffnung, dass vielleicht bald wieder alles "top" ist.

Quelle: RP
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