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Ratingen
Die Verdienste eines Lebens auf einem Zettel

Ratingen: Die Verdienste eines Lebens auf einem Zettel
Totenzettel für einen Gymnasial-Lehrer. FOTO: Achim Blazy
Ratingen. Wer bei Facebook sein aktuelles Leben in Bild und Text kund tut, der hat vielleicht auch mit Mitteilungen über sein Ableben im sozialen Netz kein Problem. Der Ratinger Bestatter Frank Jacob weiß, dass auf diesem Wege schon erfolgreich Familien und Freunde informiert worden sind. Von Gabriele Hannen

Dennoch sind die traditionellen Verkündigungswege nicht tot, sondern häufig nur verändert. Einer aber scheint völlig verschüttet: der Totenzettel.

Die Ratingerin Coleta Woltering hat aus ihrer münsterschen Heimat allerdings etliche gerettet, das Stadtarchiv hütet eine gut bestückte Sammlung, in manchen alten Gesangbüchern klemmen die Zettel noch, und vielen Silberlocken sind die Bildchen gegenwärtig.

Totenzettel sind einfache oder gefaltete Zettel mit den wichtigsten Lebensdaten eines Verstorbenen, die meist im Rahmen der Totenmesse an die Trauergäste verteilt werden. Der Brauch war früher im gesamten katholischen Europa verbreitet und wird regional immer noch gepflegt.

Das Lexikon weiß: "Im weiteren Sinn versteht man unter Totenzetteln auch Todesnachrichten, die früher im Ort verteilt oder versandt wurden." Allerdings sind sie auch eine sorgfältige und ehrerbietige Form, den Lebenslauf des Verstorbenen darzustellen und ihn irgendwie in der Gegenwart weiter bestehen zu lassen.

Coleta Woltering meint dazu: "Die Totenzettel sind für Hinterbliebene eine gute Form, ihre Trauer zu verarbeiten." Frank Jacob berichtet, dass er heutzutage nur noch drei bis viermal im Jahr den Auftrag bekommt, Totenzettel zu fertigen und in der Kirche beim Trauergottesdienst auszulegen. Ganz billig sind sie nicht - etwa einen Euro pro Exemplar müssen sich die Hinterbliebenen das Erinnerungsbildchen schon kosten lassen.

Der älteste erhaltene Totenzettel stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, im 19. Jahrhundert waren die Bildchen dann in ganz Europa verbreitet, vornehmlich bei Katholiken und bei denen vor allem in Bayern. Neben der bildlichen Darstellung auf der Vorderseite war stets auch der ausgewählte Text auf der Rückseite des Sterbebildes von großer Bedeutung und zwischen 1880 und 1950 sehr beredt. Der Leser erfährt eine ganze Menge vom Familien- und Gesellschaftsstand "ehrengeachteter" Männer und Frauen und davon, ob sie verheiratet, verwitwet oder als "tugendsame Jünglinge oder Jungfrauen" dahingeschieden waren.

In der Landwirtschaft spielten Hof- und Flurnamen eine gewichtige Rolle. Es wurde genau festgehalten, ob die verstorbene Person Bäuerin, Austragsmutter (bayrisch: Bäuerin auf dem Altenteil), Bauernsohn oder einfach der "Huberbauer" war.

Langes oder kurzes Leiden wurden ebenfalls genannt. Bei Unglücksfällen ist deren Art bezeichnet worden, selbst vom Tod "durch Mörderhand" ist zu lesen. Sorgfältig sind das genaue Alter des oder der Verstorbenen sowie der Empfang der Sterbesakramente angeführt. Vermerkt wurden früher Verdienste beim Militär und Kriegsauszeichnungen, Verdienste in öffentlichen Ämtern und wichtigste weltliche oder geistliche Orden und Ehrenzeichen. Auch die Berufsbezeichnung galt bis in die 50er Jahre hinein als unerlässlich. Weitere wichtige Informationen auf den Totenzetteln sind Geburtsnamen, Geburts- und Sterbeort.

Vielfach wurden die Sterbebilder mit Gebetstexten und Zitaten aus der Bibel versehen, mit dem lateinischen Requiescat in pace, oft auch abgekürzt zu "R.I.P.".

Wo es Totenbildchen gibt, ist die Ahnenforschung einfach, die Erinnerung leicht.

Quelle: RP
 
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