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Zehlia Yetik
"Diese Aufgabe bringt uns an Grenzen"

Zehlia Yetik: "Diese Aufgabe bringt uns an Grenzen"
Zehlia Yetik in ihrem Büro am Eutelis-Platz: Flexibilität ist in den vergangenen Wochen alles für sie und viele andere Mitarbeiter der Stadtverwaltung. "Das ist zermürbend", sagt die Diplom-Pädagogin. FOTO: Achim Blazy
Ratingen. Die städtische Integrationsbeauftragte spricht über ganz persönliche Herausforderungen durch die Flüchtlingsfrage.

Frau Yetik, zählen Sie die Überstunden eigentlich noch?

Zeliha Yetik Es sind sehr viele, gerade in letzer Zeit. Aus dem Kopf könnte ich Ihnen das gar nicht mehr sagen. Als freitags zum Beispiel die Flüchtlinge an der Elsa-Brandström-Schule ankamen, war ich wie viele andere auch bis 1 Uhr nachts vor Ort, bin für einige Stunden nach Hause gefahren und hab um 7 Uhr wieder vor der Tür gestanden. Aber es war für mich selbstverständlich, es ist ein ganz anderes Arbeiten als im normalen Verwaltungsalltag.

Allerdings auch eine Arbeit, die Sie bisweilen an Ihre Grenzen führt?

Yetik Diese Aufgabe bringt uns alle an unsere Grenzen, die emotionale Belastungsfähigkeit wird schon arg strapaziert. Als wir am Ankunftstag der 132 Flüchtlinge an der Elsa-Brandström-Schule im Einsatz waren, habe ich oft mit einem ganz dicken Kloß im Hals und viel Gänsehaut gearbeitet. Wenn da plötzlich eine mehrköpfige Familie mit kleinen Kindern vor einem steht, deren ganzes Leben sich in einer Plastiktüte befindet, lässt einen das nicht kalt. Zumal es auch schwer ist, im Privatbereich abzuschalten, denn auch da wird die Flüchtlingsproblematik intensiv diskutiert. Ich werde oft angesprochen und nach meiner Meinung dazu gefragt.

Was ist für Sie im Alltag dabei besonders belastend?

Yetik Es ist die Hilflosigkeit, den Menschen die Fragen, die sie haben, nicht beantworten zu können. Sie wollen wissen, wie es mit ihnen weiter geht, wo sie hinkommen. Und wir können ihnen darauf keine Antwort geben, weil wir es selbst nicht wissen. Wir warten doch selbst auf diese Antworten, haben großen Informationsbedarf. Das ist emotional sehr belastend.

Können Sie den Menschen, die kommen, überhaupt helfen? Ist das nicht viel mehr ein Verwalten von Schicksalen?

Yetik Unser Anspruch ist ganz klar, den Menschen zu helfen, auch wenn sie sich nur für wenige Wochen im Rahmen der Erstaufnahme hier aufhalten. Es gibt so unglaublich viele Angebote, gerade für die Notunterkunft. Unsere ehrenamtlichen Integrationshelfer sind vor Ort, helfen beim Übersetzen. Die Wohlfahrtsverbände, Sportvereine, der Jugendrat oder auch die Kollegen des Jugendamtes versuchen viel, um gerade den Kindern vor Ort einige schöne Momente zu bescheren.

Wie kurzfristig bekommen Sie die Informationen vom Land?

Yetik Sehr kurzfristig. Das Amtshilfeersuchen bezüglich der Notunterkunft hat uns zum Beispiel am 29. Juli nach 17 Uhr erreicht. Wir hatten dann noch rund 17 Stunden Zeit für die Vollzugsmeldung und knapp 48 Stunden, um alles für die Aufnahme der Menschen vorzubereiten. Letzte Woche haben wir das genaue Gegenteil erlebt: Freitags hieß es, die Bewohner werden montags abgeholt, mittwochs kommen neue. Wir haben daraufhin alles organisiert, die Verpflegung zum Beispiel für den Montag abbestellt.

Und dann...?

Yetik ... standen wir am Montagmittag da, alle Bewohner waren noch da, keine Busse zu sehen. Also habe ich bei der Bezirksregierung angerufen und nachgefragt. Da sagte man mir dann, gut, dass Sie sich melden. Wir schaffen das nämlich heute nicht mit dem Transport. Also musste ich von jetzt auf gleich den Caterer für die Verpflegung gewinnen und komplett umdisponieren. Wir stehen hier also permanent unter Strom, weil wir nichts wissen und dann von jetzt auf gleich reagieren müssen. Täglich kommen neue Informationen vom Land. Sind die weitergegeben, erhalten wir dann die Nachricht, dass die vorherigen Informationen nicht mehr gelten. Das ist zermürbend.

Wenn dann neue Menschen für die Notunterkunft kommen, wie läuft das ab?

Yetik Mal bekommt der Leiter des Sozialamtes den Anruf, manchmal auch ich. Dann werden Kreisgesundheitsamt und Feuerwehr informiert, ein Krisenstab eingerichtet. Da niemand weiß, wann das ist, haben wir im Sozialamt einen Bereitschaftsplan ausgearbeitet, an dem auch Freiwillige aus anderen Ämtern beteiligt sind, die im Fall der Fälle von jetzt auf gleich zur Verfügung stehen. Die Kollegen sind unheimlich engagiert. Als wir die Brandström-Schule hergerichtet haben, waren zum Beispiel eine große Anzahl Kollegen vom Baubetriebshof vor Ort, die alles hergerichtet haben. Das war toll.

Wie ausgeprägt ist denn die Willkommenskultur der Ratinger?

Yetik Sehr ausgeprägt, es gibt eine beeindruckende Spenden- und Hilfsbereitschaft. Einzelpersonen und Vereine melden sich mit Ideen. Aber auch der Informationsbedarf der Menschen in der Stadt ist sehr groß. Dem versuchen unter anderem wir mit den Anwohnerversammlungen Rechnung zu tragen.

KARL RITTER STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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