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Ratingen
Museum holt das Prunkgeschirr hervor

Ratingen: Museum holt das Prunkgeschirr hervor
Auf ein Festessen mit Prunkgeschirr des Museums freuen sich (v.l.) Hausherrin Alexandra König, Ehrenvorsitzende Marie-Luise Otten und Vorsitzende Sabine Tünker vom Verein der Freunde und Förderer des Ratinger Museums. FOTO: D.J.
Ratingen. Der Förderverein tischt für zahlende Gäste auf. Zu solchen Anlässen wird mit den guten Tellern gedeckt. Von Gabriele Hannen

Tief im Keller des Museums Ratingen darf man lachen, aber auch neugierig sein. Denn dort stehen ein paar große Kisten, in denen das sogenannte Prunkgeschirr verstaut ist. Während Google unter diesem Begriff als erste Erklärung reich geschmücktes Zaumzeug für Kaltblüter in Bild und Text anbietet, ist es in Ratingen ein tatsächliches Geschirr - zwar nicht aus Porzellan - das Mitte der 90er Jahre von Künstlerhand für das Museum gefertigt worden ist.

Da, wo in zierlichen Vitrinen des Porzellankünstlers Johann Peter Melchiors feinsinnige Tafelaufsätze Kunstkenner in Begeisterung versetzen - da sollte auch ein solches Geschirr mit allem Zipp und Zapp für 50 Personen als zeitgenössische Antwort vorhanden sein. Dachte sich damals Museumsleiterin Ursula Mildner. Es wurde Geld gesammelt, denn es war inzwischen klar, dass die Düsseldorfer Künstlergruppe "Die Langheimer" das Geschirr kreieren sollte. Die Freunde und Förderer des Museums waren dann diejenigen, die am massivsten für Spenden trommelten. Aus dem über Jahre mühsam zusammengesparten Ankaufsetat des Museums, aus Mitteln des Fördervereins, Spenden aus der Ratinger Bevölkerung, nicht zuletzt aber dank einer großzügigen Gabe der Kulturstiftung der Deutschen Bank konnte das Vorhaben und die erforderliche fünfstellige Summe finanziert werden.

Johann Peter Melchior hat zahlreiche Tafeldekorationen geschaffen. Sie zeigen anmutige Damen, Tiere und Musikanten. FOTO: Janicki Dietrich

Zipp und Zapp bedeutet, dass hier nicht nur 50-erlei große Platzteller aus irdenem Scherben hergestellt werden sollten, sondern auch mancherlei Figuren und eher grobschlächtige Gefäße. Und nun wurde vom Förderverein für zahlende Gäste aufgetischt, und zwar inmitten der aktuellen Ausstellung von Ulrike Zilly, die als Mitglied der Langheimer am Geschirr mitgearbeitet hatte.

Marie Luise Otten, die langjährige Vorsitzende und nun Ehrenvorsitzende des Freundeskreises, gab einen Jahrhunderte übergreifenden Blick aufs Tafeln und Essen, vergaß aber auch die Gegenwart nicht: "Wir tafeln heute stilvoll vom Prunkgeschirr der Düsseldorfer Künstlergruppe ,Die Langheimer', zu der neben Ulrike Zilly auch Robert Hartmann und Werner Reuber gehören. In dem zwischen 1995 und 1997 entstandenen Geschirr haben wir ein Werk von bizarrem Formenreichtum und erzählerischer Ausgelassenheit vor uns. Die Figuren, die das Prunkgeschirr bevölkern, haben sich aus einer reinen Schmuckfunktion gelöst und nutzen den Deckel einer Sauciere oder den Rand einer Schale zu einem eigenwilligen Auftritt." Noch vor etwa zwei Generationen war es im Bürgertum durchaus üblich, neben dem eher simplen Alltagsgeschirr noch eins "für gut" bereit zu halten, für Sonntage und Feste. In der Regel hatte dieses Geschirr einen Goldrand, der heute nicht in die Mikrowelle dürfte und sich in der Spülmaschine in nichts auflösen würde. Bei intensivem Rumfragen kann man ermitteln, in wie vielen Kellern oder auf Dachböden ein solches Geschirr auch heute noch ruht.

Aber das, was ansonsten aktuell an Porzellan oder Irdenem zum Essen und seiner Präsentation aufgetischt wird, ist oft sehr simpel. Wenngleich sich die Tischsitten sicherlich im Vergleich zum Mittelalter gebessert haben dürften. "Die teilweise hochkultivierten Tischsitten der Antike waren", so führte Marie Luise Otten aus, "in Vergessenheit geraten. Flache, aufgeschnittene Brotleibe dienten als Teller, gegessen wurde mit den Fingern, selten gab es Löffel oder Messer. Die eigene Kleidung diente nach dem Essen dem Säubern der Finger, und zwar bei Bauern und Adeligen gleichermaßen".

Das Mittelalter war auch eine Zeit der kultivierten Minnesänger, der Wissenschaft und Forschung und der ersten Benimmregeln, die - wie könnte es anders sein - mit der Zulassung der Frauen bei Tisch seit dem 11. Jahrhundert einhergingen.

Das Prunkgeschirr der Langheimer mit seinen erzählerischen Szenen auf den Platztellern, den deftigen, burlesken tafelaufsatzähnlichen Figuren und den zu allerlei Tischgerät umfunktionierten ländlich heiteren Szenerien, das in Ratingen auf den Museumstisch kam, ist eine Art Gesamtkunstwerk und fügt sich damit in die Tradition der barocken Tischkultur, für die im Museum Ratingen die Kunst des Porzellanbildners Johann Peter Melchiors steht.

Zu seiner Zeit gehörten zur Tafeldekoration nicht nur Teller und Schüsseln - also Tafelservices, - sondern auch mancherlei figürliche Szenen in Porzellan, kleine Tiere, anmutige Damen, Musikanten und anderes. Außerdem zählten auch Trinkgefäße, Tafelaufsätze und Vasen zur Tischzier. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war manches aus edlen Metallen gefertigt. Wenn man bedenkt, dass beim Auftragen der Speisen die Platzteller der Terrinen unverrückt stehen blieben, kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie ausgeklügelt ein Tisch eingedeckt worden war. Und genau so, wie Genießer dem "Slow Food" huldigen, dass sie also "gut, sauber und fair" ihre Lebensmittel einkaufen und zubereiten, so kann man Mahlzeiten servieren - hat es doch alles schon gegeben.

Quelle: RP
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