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Serie Aussergewöhnliche Sportarten
Boule gehört zur französischen Lebensart

Serie Aussergewöhnliche Sportarten: Boule gehört zur französischen Lebensart
Eine enge Sache Marlene und Wolfgang Braukmann, Vorsitzender Helmut Gerads und der Sportliche Leiter Norbert Koch überprüfen mit dem Maßband den Abstand der Kugeln zum pinkfarbenen "Schweinchen". RP-Foto: Dietrich Janicki FOTO: Janicki Dietrich
Ratingen. Das Spiel mit den Stahlkugeln ist mehr als nur ein Sport - vielleicht findet es auch deshalb in Deutschland immer mehr Anhänger. Von Anna Mazzalupi

KREIS METTMANN Die Kugeln liegen fast gleich weit weg. Mit dem bloßen Auge ist nicht zu erkennen, welche näher an der pinkfarbenen kleinen Kugel, dem sogenannten"Schweinchen", dran ist. Wolfgang Brauckmann fasst in seine Tasche und zückt das Maßband. Der Punkt geht aber an den Konkurrenten. "Manchmal ist es nur eine Millimeterentscheidung", erklärt Helmut Gerads. Weil seine Doublette den Punkt gemacht hat, beginnt er die nächste Runde. 12:5 steht es. Nur noch einen Zähler, dann ist dieses Spiel für ihn und seinen Partner Norbert Koch entschieden.

Gerads legt die Stahlkugel gut vor. Die Chancen von Ehepaar Brauckmann sind aber noch da. Marlene Brauckmann wirft drei Mal, doch der Boden hat seine Tücken. Die Spannung steigt. Ihr Mann versucht sein Glück zwei Mal, kommt näher ans Schweinchen heran. Doch Gerads legt besser nach. Das Match ist entschieden: 13:5 geht die Partie zu Ende. Fair wird abgeschlagen.

Boule heißt das Spiel, das bis zum Schluss viel Spannung bietet. Auf der vereinseigenen Anlage mitten im Herzen von Erkrath treffen sich täglich Mitglieder vom Cercle des Pétanqueurs (CdP), um im "Tête-à-tête" (Eins-zu-eins), Doublette oder Triplette zu spielen. Die Atmosphäre auf den 28 Bahnen ist trotz der zum Teil hart umkämpften Partien locker und vergnügt. Einige Zuschauer sitzen auf den Bänken und verfolgen den Ablauf.

"Man braucht eine Anspannung, muss aber entspannt sein. Die Leichtigkeit liegt in der Spannung", erklärt Norbert Koch, Sportlicher Leiter des Vereins, die Eigenart der Sportart. Zwar brauche man auch Ehrgeiz, aber nur in Maßen.

Das Besondere an dem französischen Spiel: Jeder kann es schnell erlernen. Selbst Menschen mit körperlichem oder geistigem Handicap können ohne Weiteres mitmachen. "Wenn jemand hier rennt, fällt das schon auf", merkt Koch mit einem Lachen an. Lediglich Konzentration und ein guter Wurfarm werden benötigt. Denn Boule ist eine eher ruhige Sportart und dabei so inklusiv wie kaum eine andere. Auch an Meisterschaften kann jeder teilnehmen, ob jung oder alt, Mann oder Frau.

Wichtig für den Erfolg beim Spiel ist es, die Gegebenheiten des Bodens zu kennen. Fällt er etwas ab? Gibt es bestimmte Unebenheiten? Das wirkt sich darauf aus, wie nah die Kugel an das Schweinchen rollt oder ob der Sportler es schafft, die Kugel des Gegners mit dem eigenen Wurf wegzuschießen. Sowohl legen als auch schießen muss der Spieler also können. "Manchmal ist auch ein bisschen Glück dabei", merkt Helmut Gerads an. Er ist der erste Vorsitzende des CdP. Doch einen Unterschied beim Spiel macht das nicht. Es wird sich gleich geduzt. Und für Anfänger gibt es von den erfahrenen Spielern auch schon mal Tipps.

Die Vorteile von Boule: Konzentration und Taktik werden gefördert. Außerdem bewegen sich die Akteure an der frischen Luft und pflegen soziale Kontakte. Das älteste Mitglied im Erkrather Verein ist 91. "Das kann man bis ins hohe Alter hinein spielen. Wer einmal infiziert ist, hört nicht mehr auf", betont Norbert Koch, der als Sportpädagoge Neulingen die richtige Technik beim Spiel vermitteln kann.

Den Handrücken nach oben, den Daumen abgespreizt - das ist die effektivste Grundhaltung für den Wurf aus der Hocke oder im Stehen. Ein Vier-Finger-Spiel sozusagen. Ein vorher gezogener Kreis markiert den Wurfpunkt. Mindestens sechs Meter müssen zum hölzernen Schweinchen vorliegen. Wie weit und mit wie viel Kraft der Sportler dann die Kugel, die ein Gewicht zwischen 650 und 800 Gramm hat, werfen muss, weiß der Spieler mit ein bisschen Übung. Weil keine der Runden vorhersehbar ist und sich die Teilnehmer Kopf-an-Kopf-Duelle liefern können, dauern manche Begegnungen auch schon mal eine gute Stunde oder länger. "Zum Turnier nehmen sich die Spieler deshalb auch Klappstühle mit. Da dauert eine Partie auch schon mal gut acht Stunden", merkt Koch an.

Doch die Zeit verfliegt wie im Nu. Denn Boule vereint Geselligkeit und Gemütlichkeit. Nicht zuletzt deswegen spielen es die Franzosen oft auf öffentlichen Plätzen und in Parks. Auch Helmut Gerads kam in Frankreich zum ersten Mal mit dem Pétanque in Berührung. Dank der Flutlichtanlage auf dem Erkrather Boulodrôme an der Gerberstraße können die Sportler dort auch bei Dunkelheit spielen. Und vermitteln in der Stadtmitte ein bisschen französische Kultur ab 10 Uhr morgens bis tief in die Nacht.

Quelle: RP
 
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