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Ansichtssache
Die Alleestraße braucht einen neuen Kringel

Remscheid. Das DOC ist wichtig. Aber auf der unteren Alleestraße geht es um viel mehr als um Einkaufserlebnisse. Es geht um das Zusammenführen von Wohnen, Leben und Arbeiten. Das ist die Zukunft. Das ist Remscheid. Von Christian Peiseler

30 Jahre Allee-Center bedeuten auch 30 Jahre Probleme mit der Alleestraße. Mit dem Bau des Centers 1987 begann der Verfall der unteren Alleestraße. Trotz aller Vitalisierungsbemühungen, eine Wende hin zu einer Allee mit Wohlfühlcharakter hat es bisher nicht mehr gegeben.

Der Anblick der leeren Geschäfte, die Häufung von Dönerbuden, der Zerfall der Außenfassaden führen zu kurzfristigen Anfällen von zynischer Melancholie. Jeder neue Anlauf für eine Verbesserung ruft sofort die hartnäckigen Skeptiker auf den Plan. Mit welchen Argumenten und Tatsachen will man sie auch überzeugen, dass es doch noch einmal besser wird an der Alleestraße? Es gibt nur ein Argument, dass Skeptiker wieder lächeln lassen wird - ein finanziell abgesichertes Konzept mit einem verbindlichen Plan, wann, wo und wie etwas umgesetzt werden soll. Die ISG hat nachgefragt, was die Bürger wollen. Das ist ein erster Schritt. Und ein wichtiger Unterschied zu früheren Versuchen. Früher haben die Stadtplaner geplant, und die Politiker entschieden. Meistens kam irgendein Kompromiss heraus, der dann niemandem mehr gefiel. Siehe Markt. Aber mehr als die Ideen aus einem Workshop kann die ISG bislang auch noch nicht vorweisen. Noch stirbt die Alleestraße weiter vor sich hin. Dabei gehört sie mal zum Mittelpunkt des Remscheider Lebens.

Anfang der 70er Jahre galt Waschbeton als bevorzugtes Baumaterialien. Aus diesem eher hässlichen Baustoff standen eines Tages drei langgezogene halbrunde Sitzbänke auf der unteren Alleestraße, zwischen Gottlieb Schmidt und dem Kino. Der "Kringel" avancierte zum Treffpunkt für ganze Generationen. Die Schüler kamen aus allen Stadtteilen. Sogar aus Lennep und zu jeder Zeit. Irgendjemand, den man kannte, saß immer im Kringel. Mit einfachsten Mitteln gelang es damals, einen Treffpunkt zu schaffen. Irgendwann in den 90ern verschwanden die Waschbetonbänke wieder. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die Alleestraße mit dem Ende des Kringels endgültig ihren Charakter als Treffpunkt verloren hat. Die Sehnsucht aber ist geblieben. Nach einer neuen Art Kringel in der Alleestraße. Er muss ja nicht aus Waschbeton sein.

Das Bedürfnis nach einem Treffpunkt für alle Generationen bildet die Grundlage für alle weiteren Planungen für die untere Alleestraße. Die Immobilien gehören Privatbesitzern. Viele davon wohnen in Remscheid. Für einen Außenstehenden ist es schwer zu begreifen, wie man mit leerstehenden Etagen Geld verdienen will? Warum existiert nicht der Mut, auch mal ein Wagnis einzugehen, indem Existenzgründer und junge Händler für die Deckung der Unkosten mal befristet etwas ausprobieren können? Unter dem Stichwort "Leerstandsmanagement" könnten sich Gruppen zusammenfinden, die Veränderungen umsetzen.

In der Stadtverwaltung hat das DOC zurzeit Priorität. Alles andere scheint liegenzubleiben. Das DOC ist ein wichtiges Projekt. Aber am Rande der Altstadt entsteht ein Einkaufsdorf, in dem es nur um eins geht: um Konsum. Auf der unteren Alleestraße geht es um viel mehr als um Einkaufserlebnisse. Es geht um das Zusammenführen von Wohnen, Leben und Arbeiten. Das ist die Zukunft. Das ist Remscheid. Der Umbau der Innenstadt ist langfristig gesehen wichtiger als das DOC .

CHRISTIAN PEISELER

Quelle: RP
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