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Remscheid
Die Haut der Häuser

Remscheid: Die Haut der Häuser
Das "gemästete Haus" nennt Erwin Wurm diese Arbeit, die im Skulpturenparkj in Wuppertal steht. FOTO: Nico Hertgen
Remscheid. Der Bildhauer Erwin Wurm zeigt im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden irritierende Werke. Von Gisela Schmoeckel

Die Villa Waldfrieden in Tony Craggs Skulpturenpark hat freundliche Gesellschaft bekommen. Fast wirkt das schneeweiße, dickliche Haus unterhalb der Terrasse mit rotem Satteldach wie eine kleine Verwandte der früheren Herberts-Villa, die in ihren organischen, unregelmäßig verlaufenden Formen ja auch etwas Besonderes hat. Wie kleine Schweinsäuglein fast zugewulstet öffnen sich die rechteckigen Fenster rechts und links einer Tür, die in schwarze Dunkelheit führt.

Den Titel "Fat House" könnte man mit "gemästetes Haus" übersetzen. Der weltbekannte österreichische Bildhauer und Installationskünstler Erwin Wurm hat für dieses von außen auch etwas an die Behausung von Schlümpfen erinnernde Gebilde einen Namen ausgesucht, der das Haus zu einem lebendigen Wesen macht. Denn mästen kann man ja nur etwas oder jemanden, der essen kann. Das Haus scheint die Besucher freundlich, vielleicht auch ein wenig gequält unter der Last der fetten Wülste zum Eintreten einzuladen. Drinnen läuft ein Video, in dem das Haus zur eigenen Verwunderung sich in einer hohen Halle befindet und sich Fragen stellt, ob es wohl ein Haus oder ein Kunstwerk sei. Die Tür hat sich im Film in den sprechenden Mund verwandelt, die Äuglein zucken und blinzeln, und die Besucher verweilen amüsiert und werden immer nachdenklicher. Aus der Frage "Bin ich ein Haus oder ein Kunstwerk" folgt für das sprechende Haus die Konsequenz, dass vielleicht alle gemästeten Wesen zu Kunstwerken werden.

Die komisch-verzweifelten Fragen sind nicht zu lösen. Wer weiß schon, was Kunstwerke sind. Als Häuser sind die Gebilde, die Erich Wurm sich ausgedacht hat, jedenfalls kaum zu benutzen. Sie besitzen zwar Höhlungen, Dächer, aber sie sind merkwürdig deformiert. Das Melting House, wie ein riesiger Haufen aus schmelzendem Eis vor dem großen Pavillon, hat ein Dach, das im Abrutschen begriffen ist. Und im "Dismiss", im abgewiesenen Haus, haben sich die Künstlerknie eingedrückt. Auch die Decke einer wie die römische Engelsburg zylinderförmigen Bastion "Diverge" ist deutlich deformiert, Schuhsohlenmuster zeichnen sich in der Vertiefung ab. In einem Video sieht man den Künstler, wie er in die noch nicht feste Form hineinspringt, so als sei er ein ungeschickter Riese Gulliver im Liliputanerland.

Dieses Gebilde erinnert an die Form des Wiener "Narrenturms", der weltweit ersten psychiatrischen Anstalt. Andere wirken wie demolierte Bunker oder auch die Gefängnisfestung Stammheim. Alle sind "aus der Form" gelaufen, oder zerstört durch direkten körperliche Einwirkung des Künstlers, alle können nicht mehr als Modelle ihrer früheren Funktionen gelten, sie werden funktionslos. So verwandelt sich das Amüsement über die wunderlichen und witzigen Einfälle des Künstlers in eine irritierende Unsicherheit.

Erwin Wurm, 1954 geboren, lebt in Österreich. Seine Werke sind in vielen internationalen Museen vertreten. Er wurde berühmt, weil er realistisch gestaltete Figuren und Gegenstände aus dem Alltag in überraschenden Situationen zeigt, in denen ihnen alle Möglichkeiten einer Einflussnahme, eines "normalen" Handelns genommen wird. Sie verlieren ihre Identität und geben auf den ersten Blick Anlass zum Lachen, wie über einen Witz. "Aber ein Witz tut jemand anderem weh" sagt Erwin Wurm. Diesen Schmerz kann man beim Anblick der zerlaufenden Hausgebilde nachempfinden, den Schmerz über die Vergeblichkeit der Sinnsuche, über die Missverständnisse und Angstzustände.

Quelle: RP
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