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Remscheid
Im Dienst der Würde

Remscheid: Im Dienst der Würde
FOTO: Moll, Jürgen (jumo)
Remscheid. Die BM wollte wissen, welche Anlaufstellen für Obdachlose es in der Stadt gibt. An der Schüttendelle wurde eine Notunterkunft für diejenigen eingerichtet, die ihr Leben nicht mehr im Griff haben. Von Tim Harpers

Herbert Przywarra hat in seinem Beruf schon so gut wie alles gesehen. Der freundlich lächelnde Mann mit dem kahlrasierten Schädel und den kräftigen Oberarmen sieht aus, als wüsste er sich zu behaupten. Sein Auftreten ist resolut. Er strahlt Durchsetzungsfähigkeit aus, ist offensichtlich ein Mensch, mit dem man sich besser nicht anlegt. "Das Geheimnis ist das Fingerspitzengefühl", sagt er. "Man muss den Leuten mit Respekt entgegentreten, egal in welcher Situation sie stecken. Dann fängst du sie meist wieder ein."

Durchsetzungsvermögen ist Grundvoraussetzung für Przywarras Job als Hausverwalter der Notunterkunft für Wohnungslose der Stadt Remscheid. Wer hier herkommt, hat keine andere Wahl mehr. Die Einrichtung ist Auffangbecken für all jene, die aus dem ein oder anderen Grund nicht mehr dazu fähig sind, aus eigener Kraft eine Wohnung zu unterhalten. "Mietrückstände und Zwangsräumungen sind nur der Indikator, die eigentlichen Gründe dafür, dass Menschen ihre Wohnungen verlieren, sind vielschichtiger", sagt Sozialarbeiterin Tanja Klimmeck, die die Bewohner der Einrichtung pädagogisch betreut. "Viele haben mit Sucht- und psychischen Problemen zu kämpfen. "Bei unser Arbeit hier geht es darum, die Leute wieder wohnfähig und vermittelbar zu machen."

Bis zu 30 Plätze gibt es in der Einrichtung an der Schüttendelle. Die Bewohner sind in Zwei- und Dreibettzimmern untergebracht. An diesem kalten Wintertag im Februar ist das Haus gut belegt. Gespräche mit den Bewohnern sind nicht möglich. "Privatssphäre", sagt Przywarra während er den kargen, spärlich beleuchteten Gang der Unterkunft entlanggeht. Die Leute hier seien verständlicherweise selbst nicht glücklich über ihre Situation. "Deshalb sind die auch entsprechend scheu." Ein kleiner Schlüssel öffnet die Türe zu einem spartanischen Zimmer. Zwei Betten sind zu sehen. Hellblaue Laken spannen sich über dünne Matratzen auf einem einfachen Stahlgestell. Ein alter hölzerner Schrank steht in der einen Ecke des Raumes. Er ist von unzähligen Kratzern übersäht. Nahe der Tür stehen Metallspinde an der Wand. Außerdem gibt es einen Holzstuhl, einen Tisch und eine Kochnische mit eisernen Kochplatten aus dem vergangenen Jahrtausend. "Wie Sie sehen, ist das kein Spaß, hier zu leben", sagt Przywarra. "Wir versuchen aber, den Bewohnern ein Stück Menschlichkeit zu erhalten." Jedes Zimmer hat ein eigenes Bad. Außerdem gibt es einen Fernseher. "Röhre", sagt der Hausverwalter mit einem Nicken in Richtung des grauen Monstrums. "Schwer zu reparieren." Versorgen müssen sich die Bewohner selbst. Das sei Teil des Konzepts, erläutert Sozialarbeiterin Klimmeck. "Wir wollen ja, dass die Leute hier lernen, wieder allein zurecht zu kommen."

Die Verweildauer in der Notunterkunft ist von Fall zu Fall unterschiedlich. "Manche Bewohner sind über Wochen hier, einige für mehrere Monate", sagt Klimmeck. "Das kommt ganz darauf an, wann sie und wir der Meinung sind, dass sie wieder alleine zurechtkommen." Der Weg an die Schüttendelle führt in den meisten Fällen über die Zuweisung durch die Stadt. Wenn es Zwangsräumungen gibt, werden die Mitarbeiter der Fachstelle vom Amtsgericht informiert. "Wir gehen dann direkt mit zu dem Termin und holen die Leute vor Ort ab", erläutert Klimmeck. Wenn es sich um alleinstehende Erwachsene handelt, die keine andere Möglichkeit mehr haben unterzukommen, könne es sein, dass sie der Notunterkunft zugewiesen werden. Für Familien und junge Erwachsene gebe es dagegen andere Möglichkeiten.

Herbert Przywarras Job besteht darin, in der Unterkunft für Ordnung zu sorgen - bei vielen suchtkranken Bewohnern oft kein leichter Job. "Ich mache das aber unglaublich gerne" sagt er. Er sei viel mehr als ein Ordnungshüter. "Ich höre mir die Sorgen und Wünsche der Leute an, und versuche zu helfgen. Ich bin hier so etwas wie das Mädchen für alles." Natürlich gehe es in der Unterkunft auch mal drunter und drüber. "Aber das wichtigste ist eben Fingerspitzengefühl. Man muss einfach im Kopf behalten, dass man es mit Menschen zu tun hat", sagt er. "Trete den Leuten mit Respekt entgegen, dann fängst du sie meist wieder ein."

(RP, th)
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