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Remscheid
Kunst mit Nadel, Schmerz und Tinte

Remscheid: Kunst mit Nadel, Schmerz und Tinte
Michelle Bergen wollte nach dem Abitur eigentlich Maskenbildnerin werden und ist gelernte Friseurin. FOTO: Jürgen moll
Remscheid. Michelle Bergen führt das Remscheider Tattoo-Studio "Colormi". Sie ist Expertin für sogenannte "Cover-Ups". Von Tim Harpers

Die Tätowiermaschine summt. Gennadij Bergen sitzt mit schmerzverzerrter Miene auf dem verchromten Liegestuhl und schaut seiner Frau tief in die Augen. Die lächelt verschmitzt und macht sich wieder an die Arbeit, tunkt die elektrische Nadel in ein winziges Plastiktöpfchen und folgt mit ihren Stichen den filigranen Linien, die sie zu Beginn der Sitzung mit einem Stift auf die Haut ihres Ehemanns gezeichnet hat.

Michelle Bergen ist leidenschaftliche Tätowiererin und seit knapp zwei Jahren mit ihrem Studio "Colormi" an der Lenneper Straße selbstständig. Ihr Laden brummt. Auch weil sie zwei Spezialdisziplinen des Tätowierens anbietet, die viele andere Studios nicht im Programm haben: Zum einen beherrscht sie die Technik des Freihand-Tätowierens und zum anderen ist sie Expertin für sogenannte "Cover-Ups". Beim Freihand-Tattoo arbeitet der Tätowierer nur mit groben Skizzen, die er mit einem Spezialstift auf die Haut zeichnet. Das Kunstwerk entsteht in Rücksprache mit dem Kunden beim Stechen selbst. Unter "Cover-Up" verstehen Tattookünstler das Umarbeiten bestehender Bilder. Als Tattoo-Doktor will sich Michelle Bergen trotzdem nicht bezeichnen, "Für mich ist das gar nicht so etwas Besonderes", sagt die zurückhaltende 27-Jährige und fährt sich dabei verlegen durch die Haare. "Ich bin einfach froh, dass ich so viele Menschen glücklich machen kann. Eine Kundin fährt für mich jetzt zum Beispiel über 400 Kilometer, nur damit ich ihr ein Cover-Up steche. Das ist schon echt Wahnsinn, wie sich das in den vergangenen zwei Jahren entwickelt hat."

Dieser Kompass ist eines der Meisterstücke der Künstlerin. FOTO: Moll, Jürgen (jumo)

Dass sie einmal Tätowiererin sein würde, hatte Bergen nach ihrem Abitur überhaupt nicht auf dem Schirm. "Ich wollte eigentlich Maskenbildnerin werden", erinnert sie sich. "Deshalb habe ich damals eine Friseurlehre angefangen." Sie habe aber immer schon auf die bunten Körperbildchen gestanden. "Mein damaliger Tätowierer hat mir irgendwann einmal angeboten, dass ich mir mein Bild selbst zu Ende stechen darf", sagt die Tattoo-Künstlerin. "Da habe ich dann Blut geleckt." Nach Abschluss ihrer Ausbildung legte sie sich schließlich eine Zeichenmappe zu und ging bei unterschiedlichen Tattookünstlern in die Lehre. "Da das ja kein anerkannter Ausbildungsberuf ist, wollte ich erst einmal die Friseurausbildung fertig machen, bevor ich mich versuche", sagt Bergen.

Nach einigen Jahren Arbeit mit Zeichenblock und Nadel machte sie sich dann vor zwei Jahren selbstständig. Die Entscheidung hat sie bis heute nie bereut. "Das Tätowieren ist meine Möglichkeit, mich kreativ auszuleben", sagt sie. Außerdem gebe es wohl kaum einen Beruf, in dem man engeren Kontakt zu seinen Kunden hat. "Bei vier bis fünf Stunden Sitzung und Schmerzen erfährt man viel über sein Gegenüber."

Neben ihrer Arbeit als Tattoo-Retterin garantiert ihr die in Szene-Kreisen immer beliebter werdende Freihand-Technik ein gutes Geschäft. "Die Arbeit ist sehr anspruchsvoll", beschreibt die Künstlerin. "Außerdem setzt sie ein besonderes Vertrauen in den Tätowierer voraus." Der Vorteil der Technik gegenüber dem sonst üblichen Schablonen-Stich liegt auf der Hand. "Die Haut ist nun einmal nicht so flach wie ein Blatt Papier", erläutert sie. "Wenn man darauf zeichnet, kann man das Motiv viel besser an die Körperform anpassen." Wichtig sei: Beim Tätowieren gelte immer der Grundsatz "Alles kann, nichts muss". Wer will, könne bei ihr natürlich auch ein ganz normales Tattoo mit Schablonen-Vorzeichnung bekommen. Einzige Voraussetzung dafür ist ein wenig Geduld. Den nächsten freien Termin im Tattoo-Studio "Colormi" gibt es erst in über sechs Monaten.

Michelles Ehemann Gennadij sieht am Ende der Sitzung etwas mitgenommen aus. Die Haut auf seinem Oberarm ist gerötet. "Fertig", sagt Michelle und der Hühne stöhnt erleichtert auf. "Wenn es dir nicht gefällt, gehe ich noch mal dran. Irgendwas lässt sich da ja immer machen."

Quelle: RP
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