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Remscheid
Mut zur Farbe

Remscheid: Mut zur Farbe
Heide-Marie Hrabar in ihrem Atelier. FOTO: Moll, Jürgen
Remscheid. Wer malt, der muss nichts leisten, der ist befreit von Ansprüchen und Erwartungen, der spielt mit Farben und Formen, wie es die Intuition ihm sagt. Die Künstlerin Heide-Marie Hrabar liebt den kreativen Prozess, der wie eine Auferstehung der kindlichen Naivität sein kann. Von Christian Peiseler

Einen Klecks Blau, einen Klecks Gelb drückt Heide-Marie Hrabar aus den Farbflaschen in ein Döschen. "Ich habe gute Laune", sagt sie, taucht den breiten Pinsel in das dickflüssige Material. Ihre rechte Hand fegt über die große Leinwand auf der Staffelei in ihrem Atelier. Ohne zu überlegen, ohne zu zögern, ohne zu stocken. Nun kommt der Schwung von links. Gelb wirbelt im Kreis. Der Spachtel verwischt alles. Was hier entsteht? Heide-Marie Hrabar weißt es nicht. Und das ist gut so.

Viele Menschen haben Angst, sich einfach ihrer Intuition zu überlassen und zu schauen, was entsteht. Sie scheuen sich, aus dem Bauch heraus zu malen und den Kopf auszuschalten. Die Idee des Bildes entwickelt sich. Nach und nach. "Es ist wichtig, sich dem Prozess zu überlassen", sagt Hrabar.

Die mächtigen Blockaden, die Menschen den Mut zur Farbe nehmen, heißen "Leistungsdenken" und "Selbstzweifel". Die Kopfgeburten zertrümmern den freien Zugang zur eigenen Ausdrucksweise. Es geht gar nicht primär um Kunst. Was ist Kunst? Bibliotheken finden darauf keine endgültige Antwort. Wer bei Hrabar malt, soll ermutigt werden, sich selber auszudrücken, sich selbst zu begegnen. Unverstellt. Ein Kind, das ihr Atelier betritt, würde niemals fragen, was soll ich malen. Es würde einfach malen.

Eine Frau hingegen, die kürzlich zu ihr kam, wollte ein Bild für ihre Tochter malen, das über dem Sofa im Wohnzimmer hängen sollte. Dieser Vorsatz zersetzte den Schaffensakt. "Von seinen Ideen Abstand zu nehmen, sie loszulassen, gehört zum freien Malen dazu." Es ist schwer in einer Leistungsgesellschaft, sich die Erlaubnis zu geben, wie ein Kind zu sein, meint Hrabar. Sie versteht sich auch als Malbegleiterin, die diesen Weg zurück zur kindlichen Naivität fördert.

Sie dreht das Bild auf den Kopf. Nun steht ein neues Bild vor ihr. Das Gelb dominiert das Blau stärker als vorher. Das ist das Schöne am Malen, sagt Hrabar, es gibt immer neue Lösungen. Man muss nur den Mut haben, weiter zu gehen, weiter zu malen, auch dem Misslingen eine neue Option abzugewinnen. "Das ist für mich auch die Parallelität zwischen Leben und Malen. Man kann immer etwas ändern", sagt sie.

Kunst schafft Begegnung. Begegnung mit sich selbst und mit anderen Menschen. Begegnung auf der Empfindungsebene. "Die Schamanin" heißt ein Bild von Hrabar, das in einer Ausstellung in Wuppertal hängt. Eine ältere Besucherin war von ihm tief bewegt. "Das Bild gehört zu mir", sagte sie. Zwei Tage später rief die Frau bei Hrabar an. Die Rentnerin hatte ihre Urlaubsreise storniert, um das Werk zu kaufen. Begründung: "Es bringt mir mehr als eine Reise." Malen kann jeder, sagt Hrabar. Jedem Anfangen liegt eine kleine Mutprobe inne.

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