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Remscheid
Tim Fischers "Geliebte Lieder" sind ganz großes Kino

Remscheid. Bei seinem Auftritt im Teo Otto Theater punktete der Entertainer beim Publikum mit Humor, Können und Authentizität. Von Bernd Geisler

Tim Fischer (43) beherrscht alles, was einen großen Entertainer ausmacht: Singen in fast jeder Facon, Tanzen, Schauspielern, den schwungvollen Umgang mit seinen Begleitern auf der Bühne und - ganz wichtig - das lebendige Spiel mit dem Publikum. Tim Fischer besitzt das, was ein Künstler haben sollte: Charisma.

Er nimmt sein Publikum mit. Es fühlt sich nie alleine gelassen, reagiert auf Ironie genau so gut wie auf Würde, lacht über Fischers Humor und leidet bei traurigen Momenten. Fischer bringt die Leute auf den lustigen Höhepunkt, fährt die Stimmung herunter auf besinnlich-wehmütigen Tiefgang und holt sie wenig später wieder hervor auf den beschwingten Zauber herziger Songs. So geschehen im Teo Otto Theater.

Nach einem kleinen instrumentalen Intro seiner fantastischen Band - Rainer Bielfeldt (Klavier) und Thomas Keller (Akkordeon, Sopransaxofon, Klavier, Snaredrum) - steigt Fischer ein mit einem Lied über die Atmosphäre im "Hauptbahnhof in Paris". Er erntet sofort kräftigen Beifall.

Ob jeder im Saal wusste, dass dieser Hauptbahnhof gar nicht existiert? Egal, denn alles, was Fischer auf der Bühne singt und tut, wirkt so authentisch, dass es leicht fällt, ihm einfach alles zu glauben: ob Dichtung, ob Wahrheit.

Er kokettiert mit Rainer Bielfeldt auf elegante homoerotische Art ("Wir waren beide mal ein Paar") und lässt jeden Hüftschwung dazu bis zum Hinterteil Bände sprechen. Er freut sich beinahe kindlich über das Publikum ("In meinem Alter mag ich lieber die kleine Runde") und ist "hin und weg von Remscheid".

Der Künstler bringt es so auf die Bühne, dass es weder platt noch anbiedernd klingt - es kommt ehrlich rüber.

Sogar beim Abschied von der Bühne kokettiert er mit den Leuten in den ersten Reihen, als habe er sie alle lieb gewonnen und jetzt seien sie Freunde und freuten sich zusammen auf ein Wiedersehen. Wäre er jetzt noch mit einem Hut durch die Reihen gegangen, er wäre voll geworden.

Tim Fischer bringt zum Brüllen eine Hitlerparodie über den "braunen Schnurrbart", lässt Tränen der Melancholie kullern bei "Komm Großer Schwarzer Vogel" (Ludwig Hirsch), rezitiert Tucholskys Worte einer geschiedenen Frau und singt anschließend Stephan Sulkes "Na Lotte was machen wir nu". Fischer packt die Leute emotional bei den Hörnern, und zwar so fest, dass sie sich dem nicht entziehen können. Die Art des Beifalls zeigt: Er berührt sie dabei so sanft und mitfühlend, dass das Auf und Ab des Lebens wie ein Film in ihnen vorüberzieht und sie spüren, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind: ganz großes Kino.

Dramatisch und einfühlsam verstärkt die punkt- und farbgenaue Beleuchtung auf der Bühne die entsprechende Stimmung - sei es "Rinnsteinprinzessin" oder "Maulende Rentner". Alle im Saal werden dieses Konzert so schnell nicht vergessen.

Quelle: RP
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