| 00.00 Uhr

Remscheid
Wo die Hoffnung auf Frieden verblasst

Remscheid: Wo die Hoffnung auf Frieden verblasst
FOTO: UWE STRATMANN
Remscheid. Die Wuppertaler Bühnen zeigen eine fulminante Inszenierung von Leonhard Bernsteins Musical "West-Side-Story". Von Christian Peiseler

Die Geschichte von Maria und Tony könnte auch in Oberbarmen spielen, dort, wo viele Verlierer der Gesellschaft wohnen, und die Straßen immer unsicherer werden. Oder auch in der Engelspassage in Remscheid, diesem hässlichen Durchgang, wo alles nach Niederlage, Alkohol und Verderben riecht. Die Wuppertaler Inszenierung von Bernsteins "West-Side-Story" hat sich eine Nabelschnur zu Gegenwart gelegt. Von "Migrationshintergrund" und "disfunktionalen Familien" ist zwischendurch die Rede. Aktualität muss aber nicht erzwungen werden. Bernsteins 58 Jahre altes Musical ist heute noch ein Theaterabend über unsere Gegenwart. Ein trauriger Sozialreport.

Die Jets und Sharks hassen sich. Weil man die Anderen hasst, weil sie anders sind. Diese ungehobelte Energie rauscht wie ein Feuerball in den Zuschauerraum des Barmer Opernhauses, wenn zu Beginn die Gangs anfangen, ihre Hoheitsbereiche auf der Straße abzustecken. Ihre Körper pumpen Kraft. Ihre Gesten überbieten sich an Abfälligkeit. Die Brustkörbe unter den hautengen T-Shirts und Kapuzenpullovern schwellen an. Gerne springen die Jungs mit Mütze, Lederjacke und Bierflasche in der Hand mal vor die Hauswand. Es ist alles so eng und aussichtslos in dieser Welt.

Bernstein hat auf geniale Weise die Energiequellen des Tanzes differenziert. Jede Gang hat ihren eigenen Sound. Die Wuppertaler Symphoniker (Leitung: Christoph Wohlleben) setzen auf den rauen Klang der Partitur, lassen die jazzigen Rhythmen nicht ausfransen und verlieren sich auch nicht in falscher Sentimentalität, wenn oben auf der Bühne Tony und Marie das hohe Lied der Liebe singen. Keine gefällige Nummernrevue mit Soloeinlagen rattert über die Bühne und verlässt sich auf die Effekte von unvergänglichen Songs wie "Maria" "America" oder "Tonight". Der Tanz (Choreographie: Christofer Tölle) ist inhaltlich fundiert, und das Schauspiel geht im Rausch der Musik nicht unter. So ein Ineinandergreifen der Kunstformen sieht man selten. Bravo.

Leonard Bernstein schrieb eine moderne Version von Shakespeares "Romeo und Julia" . Im Mittelpunkt stehen zwei verfeindete Banden. Die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gruppe empfinden die jungen Menschen als ihre einzige Existenzberechtigung. Sie haben nicht viel mehr zu verlieren als ihren Stolz. Wenn es da die zwei Liebenden Tony (Gero Wendorff) und Maria (Martina Lechner) wagen, die verbissen verteidigte Abgrenzung einfach so über den Haufen zu werfen, bedeutet das mehr als ein kleines Techtelmechtel. Revolution liegt in der Luft.

Die Regisseurin Katja Wolf glaubt an die Kraft der Liebe, ohne in die Falle Naivität zu tappen. Zu Beginn des zweiten Teils weitet sie die Sehnsucht nach einem Ende der Gewalt aus - es gibt bereits zwei Tote - und lässt für ein paar Takte die gesamte Compagnie das Duett "Somewhere - Somewhere" singen. Ein ergreifender Moment. Die scheinbar unumstößliche Ordnung wankt. Es geht um Hass und Liebe, um Leben und Tod - und um die sehr vage Hoffnung, dass einmal alles anders sein könnte. Maria kuschelt sich im Schlussbild an den Leichnam des erschossenen Tony. Im Hof der Mietshauskaserne stehen alle um das Paar herum und blicken auf das Unbegreifliche. Es ist Nacht. Die Aussicht auf Änderung bleibt trübe.

Es gibt Momente an diesem Abend, die sind zum Niederknien. Dazu zählt Gero Wendorffs glockenzarter "Maria-Song", und Maria Lechners Ganzkörperschrei, als sie die Nachricht vom Tod ihres Bruders erhält. Sarah Bowden gestaltet die Rolle der Anita überragend. Prickelnd voller Erotik, schlagfertig bei jeder schrägen Anmache und großherzig, als sie akzeptiert, dass es Liebe ist zwischen Maria und Tony, auch wenn Tony der Mörder ihres Freundes war. "A boy like that" singen die beiden Frauen als Duett. "Das geht ganz tief rein", wie Udo Lindenberg sagen würde. Das Publikum jubelte bei der Premiere.

Aufführungen: Die nächsten Termine sind heute und morgen sowie am 6., 11.,12.,13.,16.,17.,18.,19.,20.,21.,26.,27. 31. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, sonntags um 16. Karten unter 0202/5637666.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Remscheid: Wo die Hoffnung auf Frieden verblasst


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.