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Solingen
"Demokratisierung ist der Anfang der Anarchie"

Solingen. Es sieht düster aus im Lande des politischen Kabaretts. Georg Schramm hat sich zurückgezogen, Volker Pispers seine Karriere beendet. In den Reihen der altgedienten und vor allem profilierten Kabarettisten wird es dünn. Nur Thomas Freitag hält noch zur Fahne der ätzenden Kritik. Mit seinem Jubiläumsprogramm "Nur das Beste" begeisterte der 64-Jährige in der Reihe Kleinkunst das Publikum im ausverkauften Kleinen Konzertsaal.

Bevor er mit seinem neuen Bühnenprogramm im Herbst startet, blickt er auf 40 Jahre Bühnenerfahrung zurück. Da darf dann auch nicht die Parodie auf Willy Brandt, Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner fehlen, die sich ein Dreierzimmer im Altenheim teilen müssen und sich darüber kabbeln, wer am Fenster und wer an der Tür schlafen muss. Alleine schon diese geniale Nummer, in der jede Nuance der drei Herren sprachlich und im Körperausdruck getroffen wird, machte den Abend zu einem mehr als vergnüglichen Erlebnis.

Aber Thomas Freitag nimmt auch zielsicher das Grauen der gesellschaftlichen Gegenwart aufs Korn. Statt Berufe gibt es nur noch Projekte. "Und wer arbeitslos ist, steht eigentlich nur zwischen zwei Projekten." In einem solchen Umfeld solle man mal versuchen, Schillers "Die Räuber" einem Verleger anzudrehen. Sinnlos. Was soll aus einem Land werden, das 3000 Wurstsorten kennt, aber der Reihe nach jede Frittenbude dichtmachen muss, bis alle nur noch Salat fressen? "Unsere Großmütter haben auch nicht gesund gegessen." Einziger Ausweg bleibt da nur die Currywurst von Tieren, die freiwillig aus dem Leben geschieden sind.

Freitag wettert gegen den allgegenwärtigen Optimierungswahn. Er empfiehlt, dass alle ihr Vermögen doch gleich dem Staat übergeben sollten. Dann wäre dieser schuldenfrei. In den Sternen steht allerdings, was die regierenden Zellhaufen dann damit anstellen werden. Bestimmt nicht wird das Geld für Bildung ausgegeben. Denn das passt nicht zu einem Land, in dem die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. "Warum interessiert sich keiner mehr für Demokratie?", fragt Freitag. Demokratie kann gefährlich werden - zumindest für die Regierenden. "Die Demokratisierung ist der Anfang der Anarchie." Was aber bleibt jenseits des Diktats der Wirtschaft? Bildung auf jeden Fall nicht. "25 Prozent der Deutschen können nicht mehr richtig schreiben", stellt der Kabarettist fest. Stattdessen stopfen sich wenige ihre Taschen immer voller. "Bei denen wird der Kontoauszug zum Orgasmus." Was bleibt? Ein Haufen Politiker, deren Peinlichkeiten gerade mal vier Seiten füllen. Damit schließt sich der Kreis zu Strauß, Wehner und Co., über die man Bücher schreiben könnte. Was bleibt fürs Publikum? Nachdenklichkeit, wenn man sich die Lachtränen aus den Augen gewischt hat.

(crm)
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