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Serie Traditionsberufe (4)
Die Kunst, heiße Eisen anzupacken

Serie Traditionsberufe (4): Die Kunst, heiße Eisen anzupacken
Schmiedekunst: Michael Bauer-Brandes und Monika Brandes haben im alten Schaltkotten im Brückenpark Müngsten viele Eisen im Feuer. FOTO: M. Kempner
Solingen. Michael Bauer-Brandes wollte sich in Solingen nur zum Schmiedemeister fortbilden - fand in Müngsten aber einen idealen Arbeitsplatz fürs Leben. Der alte Schaltkotten im Brückenpark ist auch Monika Brandes berufliches Zuhause geworden. Von Fred Lothar Melchior

Schmiede, sagt Michael Bauer-Brandes, "sind irgendwie Gigantomanen. Das muss aber so sein." Er träumt davon, eine riesige Skulptur zu gestalten: "Vielleicht darf ich einmal in einer Industrieschmiede wie bei Dirostahl arbeiten." In dem Remscheider Stahl-, Walz- und Hammerwerk werden bis zu 35.000 Kilogramm schwere Freiformschmiedestücke hergestellt. "Und das Freiformschmieden", betont der 50-Jährige, "ist mein Lieblingsjob. Ich mag das Individuelle - egal, ob es um ein Kunstwerk, ein Geländer oder ein Schwert geht." Fertigteile in Rohrrahmengeländer einzuschweißen, liegt dem gebürtigen Darmstädter weniger.

1997 kam der gelernte Bauschlosser mit seiner Familie nach Solingen, um sich an der Fachschule für Metallgestaltung weiterzubilden. Davor hatte er gut fünf Jahre lang im Odenwald als Schmiedegeselle und Werkstattleiter gearbeitet. "An der Blumenstraße ging es beispielsweise um Design, ums Freihandzeichnen und um experimentelle Formgestaltung. Das gibt einem noch eine ganz andere Richtung." Die Fortbildung dauerte vier Jahre und damit länger als erwartet: Nicht alle Kurse wurden zur rechten Zeit angeboten. "Da waren unsere älteren Kinder schon in der Schule", blickt Ehefrau Monika Brandes zurück, "und wir sind geblieben."

Bereut haben sie es nicht. Schon im Jahr 2000 meldete Bauer-Brandes mit einer Ausnahmegenehmigung seinen eigenen Betrieb in Müngsten an. "Er hat den schönsten Arbeitsplatz", freut sich Monika Brandes über den alten Schaltkotten im Brückenpark. Das Gebäude, das aufs Jahr 1571 zurückgeht, ist auch ihr berufliches Zuhause geworden. 2007 stieg die gelernte Architektin, die zudem Kunst studiert hat, stundenweise ein. Vor fünf Jahren brachte Brandes zusätzlich zu ihrem Hauptberuf die "Event-Schmiede" auf den Weg, die inzwischen für fast ein Viertel des Umsatzes sorgt. "Hier ist noch nie jemand unzufrieden herausgegangen", unterstreichen die beiden. Mit einer fahrbaren Schmiede sind sie außerdem unter anderem beim Zöppkesmarkt im Einsatz. In diesem Jahr können die Besucher gegen einen Obolus aus Rohlingen ihre eigenen Messer schmieden.

Aber auch neben den Events gibt es reichlich Arbeit für das Ehepaar, das zwei Gesellen und zwei Lehrlinge beschäftigt. "Ich werde immer weiter ins Büro zurückgedrängt", klagt Michael Bauer-Brandes halb im Scherz. "Dabei ist das der Part, den ich am wenigsten mag." Bei den Aufträgen geht es meistens um Einzelstücke - "um etwas, das besonders sein soll".

Das ist auch bei Restaurationen und Rekonstruktionen der Fall. "Da kann ich den alten Meistern nachträglich über die Schulter schauen, wie sie gearbeitet haben", sagt der Schmied.

Selbst hat der immer noch jugendlich wirkende Meister schon neun Gesellen ausgebildet, auch die zwei, die zurzeit bei ihm tätig sind. Dazu kommen jedes Jahr sechs bis zehn Schülerpraktikanten und angehende Maschinenbauer. "Das Schmiedehandwerk ist sehr beliebt", erläutert Bauer-Brandes. "Ich habe bereits heute fünf Anfragen für den Ausbildungsplatz, der in drei Jahren frei wird." Die Faszination, die vom Schmieden ausgeht, ist für ihn kein Wunder: "Der Schmied ist der Träger unserer Kultur und Technik. Das mag zwar in einigen Köpfen verloren gegangen sein, aber viele Besucher erzählen mir, dass sie einen Schmied in der Familie hatten" - was sich auch an den zahlreichen Schmidts in diversen Schreibweisen zeige.

Auch wenn die riesige tonnenschwere Skulptur noch im Werkverzeichnis des Schmieds fehlt: Diverse große Kunstwerke hat das Team bereits geschaffen. Das jüngste findet sich in einem Kreisverkehr in Balingen: Für Bizerba ließ Bauer-Brandes eine viereinhalb Meter hohe Skulptur entstehen, die an eine Briefwaage erinnert. Der Auftrag ging nach Solingen, weil Bizerba früher Handelsbeziehungen in die Klingenstadt hatte. Bei Stahl Wille in Wuppertal packten Mitarbeiter vor zwei Jahren im Rahmen der Event-Schmiede selbst mit an und verformten große Schraubenschlüssel: Zum 150-jährigen Bestehen des Unternehmens wurde der drei Meter hohe "stählerne Wille" geboren, der jetzt vor dem Haupteingang postiert ist.

In Solingen plant Monika Brandes Aktionen mit Flüchtlingen und anderen Jugendlichen. So soll nächstes Jahr, zum 120-jährigen Bestehen der Müngstener Brücke, eine Skulptur mit Brückenbezug geschaffen werden. Über die ferne Zukunft der Schmiede macht sich das Ehepaar noch keine Gedanken. Dass eines der vier Kinder einmal übernimmt, sei eher unwahrscheinlich. Immerhin: "Der Jüngste schraubt alles auseinander."

Quelle: RP
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