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Serie Traditionsberufe (5)
Ein altes Handwerk fasziniert

Serie Traditionsberufe (5): Ein altes Handwerk fasziniert
Hutmacherin Bea Kahl freut sich immer, wenn eine Dame etwas für einen Event sucht. Sie ist Modistin aus Leidenschaft und entwirft in ihrem Atelier im Südpark auch besonders ausgefallene Einzelstücke. FOTO: Stephan Köhlen
Solingen. Bea Kahl behauptet sich seit gut zwei Jahren im Südpark. Ihr Atelier "Behauptungen" - mit fettem "H", "U" und "T" - passt gut in die Künstler-Kolonie. Die Modistin arbeitet auch für die Wuppertaler Bühnen und gibt Hutmacher-Kurse. Von Fred Lothar Melchior

"Die muss man mit einem Augenzwinkern tragen", sagt Bea Kahl und deutet auf die "Fascinators": Kopfschmuck, der trotz geringer Größe direkt ins Auge fällt. In ihrem Atelier im Südpark zeigt die Modistin unter anderem einen kleinen Fuchskopf mit Reiher- sowie Hühnerfedern in der Schnauze und eine Kappe mit Hirschgeweih. "Das ist die ganz kreative Seite meines Berufs", freut sich die 53-Jährige - so ausgefallen, dass die Fascinators ausgerechnet in der Heimat der verrückten Hutmacher ("mad as a hatter") nicht länger beim Pferderennen Royal Ascot erwünscht sind, zumindest in der königlichen Loge.

Wer sich die nicht weniger gewagten, aber erlaubten Hüte ansieht, fragt nach der Logik. "Zwei Dinge wird ein Mann niemals verstehen: das Geheimnis der Schöpfung und den Hut einer Frau", zitiert Bea Kahl auf ihrer Homepage die französische Modedesignerin Coco Chanel. "Ich freue mich immer, wenn eine Dame etwas für ein Event sucht", erläutert die gebürtige Hildenerin. "Im Moment mache ich sehr gerne Passionshütchen." Da trägt die Kunstmalerin dann einen Pinsel am Hut, schmücken Garnrollen die Kopfbedeckung der Schneiderin, und finden sich Noten im Schleier der Musikerin.

"Ich wusste irgendwann, ich muss irgendetwas mit den Händen machen", blickt Bea Kahl zurück, die zuerst als Erzieherin tätig war. "Ich hätte auch Goldschmiedin werden können. Die Liebe zu meinem Beruf habe ich während der Lehre entwickelt." Von 1987 bis 1989 ließ sie sich in Düsseldorf zur Modistin ausbilden und schloss die Lehre als Jahresbeste ab. "Das war zu einer Zeit, als Hüte gar nicht mehr so getragen wurden." Trotzdem ging sie auch die Meisterprüfung an - verbrachte die Gesellenjahre bei ihrer Ausbilderin, während sie gleichzeitig eine Hutfiliale an der Königsallee leitete.

"Heute ist keine Meisterprüfung mehr nötig, um sich selbstständig zu machen", sagt die Modistin. 1994, als sie die Fortbildung an der Abendschule erfolgreich beendete, war das noch anders. Bei Bea Kahl dauerte es aber noch zehn Jahre, bis sie ihr eigenes Atelier gründete (Sohn Laro wurde 1995 geboren). Weitere zehn Jahre vergingen, bis sie sich im März 2014 in den Güterhallen niederließ. "Ich bin sehr, sehr froh, dass ich das gemacht habe", betont die Hutmacherin. Laufkundschaft gibt es im Südpark zwar keine - vom gelegentlichen Radfahrer abgesehen, der sich eine neue Kopfbedeckung kauft. Aber ihr Atelier "Behauptungen" - mit fettem "H", "U" und "T" - passt gut in die Künstler-Kolonie.

Dort gibt die "Modistin aus Leidenschaft" auch Kurse. Die nächsten finden am 3. sowie am 17./18. September statt und setzen eine Tradition fort, die sie 1998 an der VHS mit Hut- und Filz-Workshops begann. Es sind hauptsächlich Frauen, die teilnehmen und die auch als Käufer der Hüte überwiegen. Standardwunsch, so die Wahl-Solingerin: "Ich will eine Kopfbedeckung, die zu allem passt." Kahl: "Sie suchen eher praktische Sachen." Es gibt aber immer Ausnahmen, etwa "Eyecatcher" für Modenschauen. Kahl erinnert sich auch gut an eine Kundin, Mitglied in einem Westernclub, die einen Hut mit rund 60 Zentimeter Durchmesser bestellte. Eine andere ließ sich Hüte ihres verstorbenen Vaters umarbeiten. Die Modistin selbst hat ein Faible für den Stil der 20er Jahre.

Dass Hüte wieder gefragter werden, sieht Bea Kahl nicht nur am Mützen-Trend (Beanies). "Auch die Jazzer haben mit ihren Pork-Pie-Hüten wieder das Interesse geweckt." Die eher kleinen Hüte, die in den 60er Jahren populär waren, werden inzwischen von Männern und Frauen getragen. Reich wird man als Hutmacherin trotzdem nicht. Ein "Fascinator" etwa kostet bei Kahl ab 69 Euro. "Bei mir stand nie das große Geld an erster Stelle", unterstreicht sie.

Seit 2010 arbeitet sie parallel auch als Hutmacherin an den Wuppertaler Bühnen, nachdem sie vorher schon für die Oper Köln im Einsatz war. "Das fordert mich noch einmal an einer ganz anderen Stelle. Die ausgefallenen Ideen der Kostümbildner umzusetzen, das verlangt oft ungewöhnliche Wege und Lösungen. Ich habe eine schöne Mischung gefunden, meine Kreativität auszuleben und trotzdem eine solide Basis zu haben."

Der ständige Wechsel zwischen Solingen und Wuppertal macht es ihr allerdings unmöglich, Nachwuchs auszubilden. "Anfragen hatte ich viele. Das Interesse am Beruf ist gewachsen, und der Wettbewerb wird gerade wieder stärker. In Solingen bin ich meines Wissens nach aber noch die einzige Hutmacherin." Und damit die Einzige, die außer Ärzten, Physiotherapeuten und Verkäuferinnen in Hutläden für gute Haltungsnoten sorgt: "Man sieht beim Anprobieren, wie sich die Haltung ändert. Wer einen Hut trägt, der wird angeschaut und achtet automatisch darauf, dass er einen geraden Rücken hat."

Quelle: RP
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