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Heimathelden
Mit Hammer und Eisen in die neue Zeit

Heimathelden: Mit Hammer und Eisen in die neue Zeit
Damals um 1905 und heute: das Örtchen Tyrol. Das hohe Gebäude rechts diente früher als Fabrik, heute als Wohnhaus. FOTO: Moll (3), Heuser / Stadtarchiv (2), Peiseler
Solingen. Das Hammertal gehört zu den ältesten Industriepfaden in der Region. Der Besucher trifft dort auf die stummen Zeugen einer großen Vergangenheit der Werkzeugstadt Remscheid. Von Christian Peiseler

Das knallige Wummern von harten Hammerschlägen muss die Luft zwischen den Bäumen geteilt und das Klappern des Mühlrades das Plätschern des Lobachs übertönt haben. Wo heute ein Industriepfad die Wanderer durch eines dieser feuchten sowie im Frühjahr und Winter besonders nebligen und düsteren Täler führt, schufteten vor gut 200 Jahren bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Schmiede und ihre Gesellen.

Während noch im Ruhrgebiet die Kühe auf der Weide grasten, begann am Fuße des Remscheider Berges der industrielle Fortschritt. Eisern ging es in eine neue Zeit, von der heute nur noch Tafeln künden. Mit einem wissenden Blick lassen sich die Hügel, Flächen und Mulden am Wegesrand deuten. Ohne Informationen verschwinden die Zeugen der epochalen Vergangenheit zwischen Gesteinsformationen und Baumstämmen.

Im Hammertal spielte sich beispielhaft das frühe industrielle Leben ab. Der Dreiklang Wasser, Wälder und Berg prägten den Alltag der Familien. "Bergischer Wirklichkeitssinn, gepaart mit Fleiß, Zähigkeit und Geschick, fand hier seinen Gegenpol, nämlich eine verschwiegene Naturbegeisterung, die eine eigene Romantik, herb und schwer, heranreifen ließ", schreibt der Historiker Karl Wilhelm Heuser in seinem schmalen Band über das Hammertal.

Herbe Romantik - auf die trifft der Wanderer auf der 4,7 Kilometer langen Strecke auch heute noch. Der Lobach prägt das enge Tal. Aber die Menschen zogen nicht wegen der Idylle an diesen Ort. "Das Hammertal bot ihnen alles, was sie für ihr Arbeiten brauchten", sagt Jörg Holtschneider. Der Historiker hat sich intensiv mit der Industriegeschichte beschäftigt und die zentralen Informationen auf den Tafeln entlang des Wegs formuliert. Holtschneider nennt drei Stoffe, die die Basis für diese Entwicklung stellten: Der Boden lieferte eisenhaltiges Gestein, die Wälder den Grundstoff der zur Verarbeitung benötigten Holzkohle und das Wasser als treibende Kraft, von oben und unten.

Die Schmiede mussten nicht nur gut mit heißen Eisen umgehen können. Sie wussten auch, wie das Mühlrad durch Wasserkraft in Schwung gebracht wird. Holtschneider steht an dem Ort, wo früher einmal der Jagenbergshammer arbeitete. Seine Hand deutet auf zwei Ebenen hinter dem Lohbach und einen schräg abfallenden Hang. "Dort haben sie das Wasser gestaut, um es bei Bedarf auf das Mühlrad zu lenken", sagt er. Ein kleiner Tümpel und die Mulden deuten an, wie dieses System aus Kraft und Wasser früher funktioniert haben muss. Zunächst leiteten die Schmiede in einem Obergraben das Wasser des Lobachs ab. Sie stauten es, um es gezielt auf das Mühlrad fließen zu lassen. Die Kraft des Mühlrads trieb die verschiedenen Hämmer im Kotten an, während das Wasser in den Untergraben floss und ein paar Meter weiter sich mit dem Lohbach vereinte.

So funktionierte die Technik in allen Hämmern - ob im Diederichskotten, im Ehlishammer, im Ibacher oder Bücheler Hammer, in Schumachers Kotten im Tyroler Hammer oder im Hüttenhammer. Von diesen und weiteren Arbeitsstätten finden sich in den Archiven Belege. Verkäufe und Familienstreit und die wirtschaftliche Konjunktur bestimmten die Geschichte der Kotten in diesem Tal.

Fast 400 Jahre arbeiteten in Tyrol Schleifer und Schmiede. Die erste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1622. Im gesamten 18. Jahrhundert gehörter es der Familie Hasenclever. Später folgten zahlreiche Umbauten. Auch moderne Technik hielt Einzug. Die Firma Müller &Arns baute dort eine Dampfschleiferei. Ein großes Fabrikgebäude, das später zum Wohnhaus umgebaut wurde, beherrscht mit seiner Lage am Rand bis heute die kleine Hofschaft.

Viele Jahre floss der Lobach in einem Korsett aus Beton, damit er die Bedürfnisse der Industrie erfüllen konnte. Inzwischen liegt sein Flusslauf im Naturschutzgebiet. Der Wupperverband hat viel Geld investiert, um den natürlichen Bachlauf wieder herzustellen. Das hat der Natur rund um Remscheid gutgetan. Um den Erhalt der Reste der alten Anlagen als Bodendenkmähler mussten die Denkmalschützer kämpfen. Im Hammertal wandert der Besucher nicht nur auf historisch bedeutsamen Grund, er kann auch dem Eisvogel begegnen oder der Blauflügel-Prachtlibelle. Im alten Hammertal wären diese Tiere vor dem Lärm wohl geflüchtet.

Quelle: RP
 
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