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Solingen
Polizei sucht jährlich hunderte Vermisste

Solingen. Rund 2000 Menschen werden pro Jahr im Städtedreieck vermisst gemeldet. Auch in Solingen verschwinden immer wieder Personen. Die meisten tauchen schnell wieder auf. Doch es gibt auch Schicksale, die sich nie mehr klären lassen. Von Bernd Bussang und Martin Oberpriller

Aufgeregte Freunde und verzweifelte Angehörige - Vermisstenmeldungen gehören für die Beamten in der Leitstelle des auch für Solingen zuständigen Polizeipräsidiums Wuppertal zur alltäglichen Routine. Pro Jahr gehen dort bis zu 2000 solcher Hilferufe für das ganze bergische Städtedreieck ein. Das bedeutet, dass allein in Solingen jährlich mehrere hundert Menschen verschwinden. Wobei die meisten dieser Fälle zuletzt doch noch ein glückliches Ende nehmen. Denn die überwältigende Mehrzahl der als vermisst gemeldeten Personen taucht nach kurzer Zeit wohlbehalten wieder auf.

So etwa bei einer Zweijährigen aus Remscheid, die sich eines frühen Morgens - unbemerkt von den schlafenden Eltern - auf den Weg zum Haus der Oma aufgemacht hatte, das sich an derselben Straße befindet. Passanten entdeckten schließlich das Kind und riefen die Polizei, die die Kleine zu den Eltern zurückbrachte.

Allerdings läuft es nicht immer so glimpflich ab. Das gilt zum Beispiel für den Fall der Anett Carolin Kaiser aus Solingen. An einem schönen Spätsommertag im August 2011 hatte sich die zierliche Frau in einen blauen alten THW-Transporter gesetzt, um sich nach Jerez de la Fontera im Süden Spaniens aufzumachen. Doch diese Fahrt wurde eine Reise ohne Wiederkehr.

Bis heute fehlt von der Solingerin jede Spur. Die Ausstrahlung ihres Falls in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" im Mai dieses Jahres brachte zwar rund 30 neue Hinweise. Aber der entscheidende Tipp war nicht darunter. Mit der Folge, dass das Haus, das sich Anett Carolin Kaiser kurz vor ihrem Verschwinden in Steimelhagen, einem Ortsteil der oberbergischen Gemeinde Morsbach, gekauft hatte, leer steht und langsam verfällt.

Dabei betont die Polizei, die allermeisten Vermissten-Angelegenheiten würden gut ausgehen. Die Zahl derjenigen Menschen, die nicht mehr auftauchten, gegebenenfalls sogar für immer verschwunden blieben, sei gering. "Von den etwa 2000 Vermissten im Jahr kommen vielleicht drei oder vier nicht mehr zurück", sagte jetzt ein Sprecher der Polizei auf Anfrage unserer Redaktion.

Gleichwohl gibt es solch mysteriöse Fälle. Welches Schicksal beispielsweise der damals 15-jährigen Tanja Mühlinghaus aus Wuppertal widerfahren ist, die ihr Elternhaus am Morgen des 21. Oktober 1998 verlassen hatte, ist bis heute ein Rätsel. Das Mädchen wollte mit dem Bus zur Schule - und kehrte nie zurück. Tage nach dem Verschwinden erreichten Tanjas Eltern zwei Briefe. Darin teilte die Jugendliche mit, dass es ihr gut gehe und dass sie bald zurückkehre. Untersuchungen ergaben, dass die Briefe von Tanja geschrieben und zugeklebt worden waren. Doch sie blieben bis heute das letzte Lebenszeichen der Wuppertalerin.

Weiter ungeklärt ist auch, wo sich Leonie G. aus Remscheid aufhält. Die 16-Jährige wird seit dem 22. Juli dieses Jahres vermisst. Die Hinweise sind widersprüchlich. Zeugen zufolge hat ein Freund aus Frankfurt sie abgeholt, soll sie in ein Auto mit Kölner Kennzeichen gestiegen sein. Später wurde Leonie dann angeblich in Hückeswagen in einem Supermarkt gesehen. Allerdings bleibt unklar, ob sie freiwillig verschwand oder nicht.

Jeder Vermisstenfall ist anders. Und doch gibt es Ähnlichkeiten, nach denen die Polizei ihr Alarmsystem ausrichtet. Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand bald zurückkehrt? Ist Gefahr im Verzug? Nicht selten kommen nämlich Anrufe aus Altenheimen, wo verwirrte Menschen, nur mit einem Bademantel bekleidet, verschwunden sind. Dann zählt jede Sekunde. "Eine kalte Nacht kann tödlich sein", heißt es bei der Polizei.

Indes bleiben jene Schicksale, die sich nie aufklären, Personen, die wie vom Erdboden verschluckt bleiben. Im Fall der vermissten Anett Carolin Kaiser aus Solingen hat jedenfalls kaum irgendwer Hoffnung, dass die Frau noch einmal auftaucht. Das Haus in Steimelhagen, dass die Vermisste nie bezog, nennen die Nachbarn lange schon "Geisterhaus".

Quelle: RP
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