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Solingen
Projekt 50: Auslaufmodell mit Potenzial

Solingen: Projekt 50: Auslaufmodell mit Potenzial
Erleben das vorläufige Ende ihres Projekts: Siegmar Bornemann (li.) und der Ohligser Rolf Steingrüber. FOTO: stephan köhlen
Solingen. Nach 14 Jahren werden auch die letzten Vereine und der Bundesverband aufgelöst. Mehr als 2000 Mitglieder fanden wieder Arbeitsstellen. Der Bundesverbandsvorsitzende Rolf Steingrüber findet, die Idee habe sich nicht überlebt. Von Fred Lothar Melchior

Weltbeweger. Ein schöner Titel, der Rolf Steingrüber 2010 von der Berliner Stiftung Bürgermut verliehen wurde. Sechs Jahre vorher hatte er mit anderen Solingern "Projekt 50" gegründet, einen Verein "zur Förderung brachliegender Fähigkeiten". Das Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe für Ältere, die wieder zurück ins Arbeitsleben wollen. Aus dem einen Verein wurden 26 Gruppen von Hamburg bis München und von Aachen bis Leipzig - alle unter dem Dach eines Bundesverbands, dem Steingrüber vorsitzt.

Jetzt macht der Ohligser Schluss. Von den 26 Vereinen sind nur noch die in Solingen und Meiningen (Thüringen) vorhanden. Nach ihrer Auflösung ereilt den Bundesverband dasselbe Schicksal. Denn "Weltbeweger" Steingrüber hat nicht nur Auszeichnungen für das Projekt erhalten, sondern auch manchen Dämpfer bei der Zusammenarbeit mit Vereinsmitgliedern und Behörden erlebt.

"Und trotzdem können wir ein richtig gutes Fazit ziehen", freut sich der 72-jährige Ohligser. 2148 Männer und Frauen fanden durch die Vereine neue sozialversicherungspflichtige Stellen (keine Zeitarbeit). "Das war zwischenzeitlich ein sehr intensives Projekt", betont Vorstandsmitglied Prof. Dr. Siegmar Bornemann. Der 66-jährige Biochemiker, der an der Europäischen Fachhochschule Fresenius in Idstein ganzheitliches Umweltmanagement lehrt, dozierte auch in den Vereinen. Der Titel seines Vortrags: "Ab heute immer besser drauf. Wie werde ich der beste Freund meines inneren Schweinehundes?"

"Wir konnten aber nicht allen helfen", bedauert Rolf Steingrüber und denkt dabei unter anderem an Suchtkranke. Der frühere Vertriebsleiter war nach einer Änderungskündigung selbst arbeitslos geworden, weil er aus familiären Gründen nicht nach Brüssel umziehen wollte. Stattdessen baute er etwas Neues auf: "Menschen in Arbeit zu bringen, das gehört zum Grundverständnis des Miteinanders." Durch die vielen Berufe, die in den Vereinen vertreten waren, ergaben sich Chancen. Umsetzen ließen sich aber nur einige Ideen.

"Irgendwann läuft man sich die Hacken ab", kritisiert Steingrüber, dass vor allem im Osten Deutschlands Vorhaben geblockt wurden. Ein Umbau des alten Gefängnisses in Quedlinburg zum Hostel sei beispielsweise am Einspruch der Linken im Stadtrat gescheitert - obwohl öffentliche Mittel in Höhe von vier Millionen Euro zur Verfügung gestanden hätten.

Auch in Meiningen sei der geplante Ausbau eines Jagdschlosses zum Schulungszentrum gescheitert. "Wenn Sie aus dem Westen kommen, haben Sie keine Chance. Die Kader sind immer noch da. Es hat Kraft gekostet, dass wir Unerwünschte waren."

Erwünscht wäre der Umbau einer CVJM-Immobilie auf Spiekeroog gewesen. Die Gemeinde wollte 300.000 Euro für den Kauf und die Arbeiten zur Verfügung stellen. Da sei man aber von einem Reeder überboten worden. "Der stand jetzt wegen Kreditbetrugs und Bilanzfälschung vor Gericht", kommentiert Steingrüber.

"Eigentlich ist so etwas wie Projekt 50 dringend weiter nötig", unterstreicht Steingrüber. "Es fallen weiter diejenigen aus dem Arbeitsleben heraus, die vermeintlich nicht mehr gebraucht werden", ist er sich mit Bornemann einig. "Der wahre Grund ist, dass sie 54 oder 55 Jahre alt sind. Dabei brauchen wir viele Menschen, die Berufserfahrung haben. Erfahrung ist für die Gesellschaft ein unwiederbringliches Gut." Deshalb habe sich die Idee nicht überlebt: "Wir würden Projekt 50 an Nachfolger übergeben und auch als Gesprächspartner zur Verfügung stehen."

Quelle: RP
 
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