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Interview
Solinger Chor-Landschaft im Wandel

Solingen. Über Männergesangvereine, die Zukunft der Chöre und Zusammenschluss mit Wuppertal spricht der Vorsitzende der Kreis-Sängervereinigung.

Wenn sich der Männerchor 1980 bald auflöst, wird es in Solingen nur noch vier Männerchöre geben. Auch sonst sind die Zahlen der Solinger Chöre, die in der Kreis-Sängervereinigung zusammengeschlossen sind, rückläufig. Nach der Gründung des Verbandes im Jahr 1946 gab es 64 Mitgliedchöre. Heute sind es nur noch rund 25. Andreas Imgrund (49), seit 2010 Vorsitzender der Kreis-Sängervereinigung und seit 25 Jahren aktiver Sänger beim MGV Wupperhof, sieht einen Wandel in der Chorszene und Veränderungen, die ihn auch optimistisch in die Zukunft blicken lassen.

Warum fehlt den Männerchören der Nachwuchs?

Imgrund Das liegt zum einen an der demografischen Struktur, dass junge Leute davon nicht angezogen werden. Die Chöre haben ein Durchschnittsalter von 60 und mehr Jahren. Da ist es schwer, Jüngere zum Mitmachen zu bewegen. Die singenden Männer haben es nicht geschafft, ihre Söhne hereinzuholen. Und das geht schon fast in der zweiten Generation so. Gesungen wird aber trotzdem gerne. Man muss nur in ein Fußballstadion gehen, um 50.000 singen zu hören. Zum anderen ist es heute schwer, Interessierte zu finden, die sich dauerhaft festlegen möchten, in einem Chor mitzumachen.

Ist das auch eine Frage des Images ?

Imgrund Das traditionelle Image von Männergesangvereinen ist selbst heute nicht hervorragend. Wobei die Wirklichkeit oft anders aussieht. Gerade in Solingen haben wir eine hervorragende Riege an Chorleitern, die qualitativ gute Arbeit leisten. Es wird nicht nur Schubert und Silcher gesungen, sondern sie suchen gute und interessante Literatur heraus, die 40- bis 50-Jährige auch gerne machen. Die Konzerte sind immer gut besucht. Das zeigt, dass sie spannend sind. Beispielsweise hat der ebenfalls uns angeschlossene Velberter Männerchor ein reines Udo Jürgens-Programm auf die Beine gestellt.

Was kann man tun, um neue Mitglieder zu gewinnen ?

Imgrund Auf jeden Fall nicht in blinden Aktionismus verfallen. Eine Zielgruppe sind die sogenannten Best-Ager, die man anlocken muss. Aber das ist schwierig, da sich niemand festlegen möchte, sondern lieber mobil bleibt. Besonders schwer ist es bei den 18- bis 30-Jährigen. Sie befinden sich meist in einer schwierigen Lebensfindungsphase, die wenig Zeit lässt: Ausbildung, Beruf, Familie. Projektchöre sind da viel beliebter. Auch in der Vorstandsarbeit wird es so immer schwerer, Ehrenamtliche zu finden, die mitarbeiten möchten. Das ist aber nicht nur ein Problem der Chöre, sondern aller Vereine.

Wie sieht es in den gemischten Chören aus ?

Imgrund Besser. Alleine die Chorgemeinschaft Aufderhöhe hat seit Jahren stetig steigende Zahlen an Mitgliedern. Aber auch hier herrscht Männermangel. Die Herren sind nicht so leicht zu finden. Bei den Frauen ist das ganz anders. Sie sind viel interessierter und aktiver. Eine Dame rief mich einmal an. Sie war neu nach Solingen gezogen und fragte mich nach geeigneten Chören, die sie sich einmal ansehen könnte. Einen Anruf von einem Mann deswegen habe ich noch nie bekommen.

Wie kommt es, dass über zehn Chöre der Sängervereinigung alleine von der Chorakademie Bergisch-Land gestellt werden ?

Imgrund Ingrid Goethe-Fliersbach und Artur Rivo leisten sehr erfolgreiche Arbeit. Dafür sprechen schon die Titel als Meisterchöre. Vor allem aber wird von Kindesbeinen an an den Gesang herangeführt. Das zahlt sich aus. Hier wird eine wichtige Basisarbeit geleistet. Das trifft auch auf die Musikschule und die Grundschulen zu. In den Schulen wird seit Jahren mehr gesungen. Auch in den Gemeinden gibt es in Solingen eine sehr gute Kantorenlandschaft, die Tolles auf die Beine stellt mit Kindern und Jugendlichen. Besonders auch in der Projektarbeit. Es kommen viele Bausteine zusammen.

Wie sieht die Zukunft der Chöre aus?

Imgrund Man darf nicht alles negativ sehen. Es wird in den kommenden Jahren sicher Chorauflösungen und Fusionen geben. Wenn es aus mangelnder Mitgliederzahl keinen Sinn mehr ergibt weiterzumachen, muss schon zeitig im Vorfeld überlegt werden, ob man eine Chorgemeinschaft mit anderen Chören bilden kann oder die Sänger einem anderen Chor beitreten möchten. Im Umland sieht es nicht anders aus. So hat sich auch der Bayer-Chor in Wuppertal aufgelöst.

Stichwort Wuppertal: Viele der dortigen Chöre haben sich der Kreis-Sängervereinigung Solingen angeschlossen. Wie geht es da weiter ?

Imgrund Mit den Wuppertalern und anderen umliegenden Städten haben wir weit über 50 Chöre als Mitglieder. Zum Vergleich: Damit sind wir ungefähr genauso groß wie der Kölner Verband. Ein Zusammenschluss macht Sinn und effektivere Arbeit möglich. Unter dem Arbeitstitel eines neuen Chorverbandes Solingen-Wuppertal werden wir in den kommenden Monaten viel zu tun haben. Fest steht: Es wird weiter gesungen, auch wenn sich die Chorlandschaft verändert.

JAN CRUMMENERL FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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