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Fall Hanaaa S.
Streit um Dolmetscher überschattet Mordprozess

Fall Hanaaa S.: Streit um Dolmetscher überschattet Mordprozess
Am 21. April 2015 war Hanaa S. spurlos verschwunden. Weder lebendig noch tot konnten die Fahnder die Solingerin wiederfinden. FOTO: Polizei
Solingen. Die Verteidiger der fünf Angeklagten im Fall Hanaa S. beanstandeten am Mittwoch erneut einen Übersetzer. Das Gericht wies die Kritik aber zurück. Von Alexander Riedel

Als wäre der Fall, mit dem sich die dritte Strafkammer am Wuppertaler Landgericht befasst, nicht schon kompliziert genug, muss sie sich nun auch noch an verschiedenen "Nebenkriegsschauplätzen" bewähren: Erst bezweifelte die Verteidigung die Zuständigkeit des Gerichts, dann scheiterte sie mit einem Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter. Und am Mittwoch kam es zum wiederholten Mal zu Diskussionen über die Fähigkeiten eines Dolmetschers. Der übersetzte die Aussage des ältesten Bruders der im Frühjahr 2015 verschwundenen Irakerin Hanaa S. Während der Richter keine Verständnisprobleme sah, beanstandeten die Anwälte der fünf Angeklagten die Befragung.

Mord für die Familienehre?

Darin ging es unter anderem um Auseinandersetzungen zwischen der offenbar ermordeten Frau und der Familie ihres Ehemannes, den sie verlassen hatte. Die Aussage, alle seien in einer bestimmten Situation aufeinander losgegangen, habe der Dolmetscher fälschlicherweise umgedeutet in: "Sie gingen auf Hanaa los." Letztere Version bestätigte der Zeuge allerdings auf die abermalige Nachfrage des Richters. Der äußerte schließlich sein Befremden über die häufigen Unterbrechungen: "Immer wieder werden Dinge an uns herangetragen, die sich letztlich in Luft auflösen." Verantworten müssen sich wegen des Mordes an der 35-jährigen Jesidin ihr ehemaliger Ehemann, dessen Schwester, zwei seiner Brüder und sogar der Sohn der verschwundenen Frau. Gemeinschaftlich sollen sie beschlossen haben, Hanaa S. zu töten, um die Familienehre wiederherzustellen.

Zeugen: Zwischen Familien gab es Streit um Gold und jüngste Tocher

Das Verhalten der jungen Frau, den Ehemann zu verlassen, sei in beiden Familien als beschämend empfunden worden, sagte ihr ältester Bruder vor Gericht, warf allerdings dem Ex-Schwager vor, immer wieder gewalttätig gegenüber der Frau geworden zu sein. Den ganzen Vormittag hindurch befragte die Kammer den Zeugen. Der berichtete von Todesdrohungen, die seine Schwester aus der angeheirateten Familie erhalten habe, und von Versuchen, die Wogen zu glätten.

Zankäpfel sollen vor allem das Gold als Hochzeitsgeschenk und die jüngste Tochter des Paares gewesen sein. In einem Krisengespräch hätten sich beide Familien geeinigt, dass Hanaa S. "in Ruhe gelassen werden" solle und ihre Tochter zumindest noch für die Dauer der Kindergartenzeit erziehen dürfe, wenn sie das Gold an die Verwandten ihres Ehemannes zurückgebe. An diese Abmachung habe sich die Familie des Angeklagten aber nicht gehalten, erklärte der Zeuge. Vielmehr habe der Vater seine Tochter früher zu sich geholt, das Gold sei dann im Besitz von Hanaa S. geblieben. Weitere Zeugen müssen befragt werden. Das Verfahren wird bis mindestens November fortgesetzt.

Quelle: RP