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Solingen
Von Mördern und Modetänzen

Solingen: Von Mördern und Modetänzen
Almuth Wiesemann, J. Marc Reichow und Peter Lamprecht präsentierten Musik zwischen Barock und früher Moderne. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Im voll besetzten Scherenlager des Merscheider Industriemuseums gab es eine Lektion in Sachen alter Musik. Von Jan Crummenerl

Was haben Bach und Bartok, Berg und Buxtehude gemeinsam? Natürlich davon abgesehen, dass die Herren Komponisten denselben Anfangsbuchstaben haben? Ganz einfach: Diese Namen stehen für Grenzbereiche. Sie markieren Anfangs- und Endpunkt zwischen Barock und früher Moderne. Also den Bereich, der normalerweise das klassische Repertoire in den Konzertsälen bestimmt. Davor liegt die Zeit der alten Musik mit Darmsaiten und Bollerpauken, danach kommt die Zeit der neuen Musik mit computergeneriertem Gezwitscher. Also nur was für eingeschworene Gemeinden hartgesottener Spezialfans? Weit gefehlt. Am Sonntagabend hatte man Mühe, einen Parkplatz am Industriemuseum in Merscheid zu finden. Und ein Blick auf die Auto-Kennzeichen verriet, dass nicht nur Solinger den Weg ins voll besetzte Scherenlager der Gesenkschmiede gefunden hatten.

In der Reihe "Klassik in der Schmiede" entführten J. Marc Reichow (Cembalo), Almuth Wiesemann (Violine) und Peter Lamprecht (Viola da Gamba) in die faszinierende Klangwelt der alten Musik. Abgesehen davon, dass die drei Musiker Solinger sind, haben sie noch etwas gemeinsam. Alle drei kommen aus dem erwähnten Bereich der klassisch-romantischen Musik. Reichow fing an "normaler" Pianist an, Lamprecht war langjähriger erster Cellist der Bergischen Symphoniker, wo Wiesemann heute noch im Orchester zu finden ist. Auf verschiedenen Wegen hatten die Musiker ihre Begeisterung für die alte Musik entdeckt. Und das war ein Funke, der an diesem Abend auch auf das Publikum übersprang. Da war etwa die Sonate D-Dur von Jean-Marie Leclair mit ihren vier Sätzen, die mal heiter verspielt, mal versonnen präsentiert wurden. Man merkte geradezu, dass Leclair ursprünglich Tänzer und Ballettmeister war. Und er gehört zu den Komponisten aus der Kategorie "seltsames Ende".

"Im Treppenaufgang zu seiner Pariser Absteige wurde er mit drei Messerstichen ermordet aufgefunden." Der Musikwissenschaftler und Journalist Dr. Jan Reichow führte hoch informativ und sehr amüsant durch das Programm.

Originell dargeboten und rhythmisch mitreißend gestalteten die Musiker den Schlusssatz "Tambourin", ein Modetanz aus der Provence, der dem Konzert auch den Titel gab. Ganz anders, aber nicht weniger schwungvoll griff auch Jean-Philippe Rameau diesen Tanz auf. Mit seinem Troisiéme Concert bewiesen die Künstler, dass dieser Musiker seinem Zeitgenossen Bach mehr als das Wasser reichen konnte. Aus der frühen Zeit Bachs stammt die Toccata e-moll BWV 914 für Cembalo solo. J. Marc Reichow zeigte hier virtuos, dass Bach keineswegs ein verzopfter Perückenträger, sondern auch ein junger Wilder war. Expressiv, ja wild verspielt, endet dieses Werk mit einer geradezu furiosen Fuge.

Zu Fuß hätte der in Rudolstadt wirkende Komponist Philipp Heinrich Erlebach seinen jungen Kollegen Bach besuchen können. Aber zu einer Begegnung kam es nicht. Erlebachs Sonate A-Dur wurde mit den drei Musikern zu einem spannenden Ereignis: Die alten Tänze der Suite wurden geistreich umrahmt von freien Sätzen, mal rezitativisch, mal sanft melodiös. Letzteres zeichnete auch die abschließende Suite A-Dur von Louis de Caix d'Hervelois aus: ein klangvoller Name und ein klangvolles Stück.

Quelle: RP
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