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Solingen
Wort-Theater mit nahezu symphonischer Wucht

Solingen. Jochen Malmsheimer sezierte im ausverkauften Theater virtuos die Marotten unserer Alltagswelt. Von Cyrill Stoletzky

Die Welt ist nichts ohne das Wort. Doch das ist hilflos ohne den Meister. Wenn der aber daherkommt, tun sich ungeheuerliche, ja magische Wort-Welten auf: komische, lächerliche, epische, bizarre wie banale. Im Kabinett der Wortkunst ist alles erlaubt. Jochen Malmsheimer, der Jongleur der vielfachen Wort-Universen, führte sein Publikum im ausverkauften Theater zwei Stunden lang aufs satirische Glatteis. Mit seinem Programm "Wenn Worte reden könnten" inszenierte er nicht nur das Wort an sich mit seinen vielfältigen, die Piefigkeiten unserer Alltagswelt perfekt spiegelnden Verbindungen, sondern vor allem sich selbst - mit Bravour.

Die Kunst der Jonglage ist, mit vielen Bällen gleichzeitig zu spielen und eine Nummer nahtlos mit der anderen zu verbinden. Das kann er. Er ist ein in einem fort (selbst-)reflexiv ratterndens Gesamtkunstwerk in Bild und Ton. Mit Gesten und mimischen Finessen, mit der dynamischen Wucht eines sich vom Flüsterton ins Ungeheuerliche steigernden, fast wagnerianischen Crescendo inszeniert Malmsheimer sein rasantes Wort-Theater, modelliert aus unserem täglichen Leben die Marotten des Allzu-Menschlichen heraus.

Schnell hat er die Brüller auf seiner Seite. Da wird der banale Kauf der Eisenbahn für den Sohnemann zum Szenario. Denn, fragt der Verkäufer, "wat machen Sie mit der Eisenbahn ohne Bahnhof?" Doch der Ärmste ist nicht nur in die "Bahnhofsfalle" getappt, sondern darf dann auch noch Basteln. Ein Papa beim Basteln - klingt banal, ist es aber nicht. "Der Leim wohnt in der Tube, und die weicht dem Druck", erläutert er, und die Nummer sitzt perfekt. Das Basteln wird zur existenziellen Herausforderung, und er watet im Terror von Kleber und Leim.

Beim Hundespaziergang sucht er schließlich Entspannung. Doch auch die Welt von Herrn und Hund steckt voller Fallstricke. Letzterer ist "vielseitig interessiert" und das "Laufen diesem immanent, dem Halter jedoch nicht zwingend." Daraus ergeben sich notgedrungen Konflikte - und dann kommt auch noch der "Kontaktbereichsbeamte" daher, der die Leinenpflicht überprüft, sich aber im Wortgefecht mit dem Hundehalter als unterlegen erweist. Worte können plattmachen, kleinkriegen und bloßstellen. Letzteres ist erlaubt in der Welt der Satire, und Bärbel Höhn muss den Kopf hinhalten. Ein Opossum ist ihr auf diesen gefallen, und selbst die selige "Omma" wird seziert - mitsamt Angorakappe, Arthrose und Mephistoschuhen. Der schlimmste aller Sätze lautet "Früher war alles besser" und der läutet eine virtuose Betrachtung über die 70er Jahre ein. Die bierselige Fete im dunklen Keller, die Ahoi-Brause, die Häkelpullis der Tanten erwachen zum Leben - inklusive der bescheidenen ersten Sex-Erlebnisse vom Jochen Malmsheimer selbst: "Mein erster Sex wurde von meiner Partnerin nicht als solcher erkannt", gibt er zu.

Zum grandiosen Finale setzt er alle Wortarten zusammen in die Kneipe und lässt sie tun, was ihre Verwender immer schon taten: saufen, nörgeln, lästern und grölen. Virtuoser, witziger, brillanter ging's nicht. Ein Pamphlet über den "Sport" rundet letzlich das Programm ab. Das war erstklassige Satire vom Feinsten. Erneut hat sich der preisgekrönte Wortvirtuose aus dem Pott als der bestätigt, der er ist - einer der besten seiner Zunft.

Quelle: RP
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