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Tönisvorst
Mit Volldampf genießen

Tönisvorst. Der Schluff gehört zu den ältesten Privatbahnen in Deutschland. Von Mai bis September verkehrt er immer sonntags zwischen St. Tönis und dem Hülser Berg. Die Lok "Graf Bismarck" aus dem Jahr 1947 ist ein rollendes Denkmal. Von Stephanie Wickerath

Wer noch nie mit dem Schluff gefahren ist, der ist kein echter Tönisvorster. Aber wer in Tönisvorst wohnt, kommt eigentlich gar nicht darum herum, einmal mit der historischen Dampfeisenbahn vom Wilhelmplatz in St. Tönis bis zum Hülser Berg in Krefeld "zu schluffen". Kindergartenausflug, Grundschulfahrt, Familientour, Ferienexpress oder eine rollende Geburtstagsfeier - irgendwann in seinem Leben ist jeder Tönisvorster mindestens einmal dabei.

Bis 1951 beförderte die Eisenbahn die Menschen zwischen Süchteln und Moers ganz alltäglich. Mitten durch St. Tönis lief die Strecke. Über Vorst und Anrath ging es nach Süchteln. Der Zug hielt schon damals am Bahnhof Wilhelmplatz. Aber während dort heute Endstation ist, ging es früher noch weiter. Sehr beliebt war der Haltpunkt "St. Tönis West". Von dort gingen die Menschen nämlich zum Strandbad Tacksee. Vorst hatte im 19. Jahrhundert sogar drei Bahnhöfe. Die Abschlussstelle Forstwald - einst Vorster gebiet - den Bahnhof Anrath auf Vorster Seite und den "Vorster Zentral-Bahnhof". 1871 erbaut, war er der Umschlagplatz aller Güter vom Pferdefuhrwerk auf den Schienentransport.

Fast 100 Jahre lang war die Strecke zwischen Süchteln und Moers in Betrieb, dann wurden die Fahrten eingestellt. Heute ist von dem Netz nur noch die Verbindung von St. Tönis zum Hülser Berg erhalten geblieben. Die historische Trasse davor und dahinter ist größtenteils als Rad- und Wanderweg ausgebaut und wird rege genutzt.

Noch bevor der Güterverkehr eingestellt wurde, fuhr sonntags wieder eine Diesellok auf der Strecke von St. Tönis nach Hüls, um die Menschen ins Grüne zu bringen. 1980 dann kam die Dampflokomotive "Graf Bismarck XV". Die imposante Lok mit dem schrillen Pfeifton hat das Baujahr 1947 und war ursprünglich in der Zeche Bismarck in Gelsenkirchen im Einsatz. Heute allerdings wird sie aus Sicherheitsgründen mit Heizöl betrieben. Auch die Waggons muten historisch an. Tatsächlich sind die meisten hundert Jahre und älter. Statt weicher Polsterbänke erwarten die Besucher in den restaurierten Personenwagen schlichte Holzbänke.

Und natürlich gibt es im Schluff, wie es sich für ein rollendes Denkmal gehört, auch keine modischen Tickets vom Schalter, sondern hübsche "Fahrbillets", die im Zug gekauft und vom Schaffner per Hand abgezeichnet werden. Apropos Schaffner: Das Zugpersonal wird von den Freunden der Eisenbahn Krefeld und der Interessensgemeinschaft Schienenverkehr Krefeld gestellt. Der Bistrowagen im Schluff wird von der Traditionsabteilung Bus und Bahn der Stadtwerke-Vereinigung betreut.

Als private Museumseisenbahn ist die der Zug mit der Dampflok jeden Sonntag zwischen Mai und September unterwegs. Am Wilhelmplatz in St. Tönis, wo das griechische Restaurant "Akropolis" den ursprünglichen Namen "Gaststätte Zum Schluff" noch im Schilde trägt, geht es morgens um 11.10 Uhr, mittags um 14.10 Uhr und nachmittags um 16.50 Uhr los. Für die 13 Kilometer zum Hülser Berg braucht der Schluff fast eine Stunde. Aber die Fahrt ist ein Vergnügen. Schaut der Gast zunächst noch auf Wände und Industriebrachen, zieht schon bald die niederrheinische Landschaft vorbei. Mit großem "Hallo" macht der Zug Halt am Krefelder Nordbahnhof.

Weil viele Fahrgäste hier auf der Hin- oder Rückfahrt aussteigen, hat das Restaurant sonntags ganztägig geöffnet. Ein gusseiserner Schaffner steht am Bahnsteig, der "Blaue Waggon" lädt zu privaten Feiern ein und ein Museum bietet Einblick in Eisenbahn-, Straßenbahn- und Krefelder Busgeschichte. Die Schau ist jeweils am zweiten Sonntag im Monat von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Vom Nordbahnhof geht es weiter zum Krefelder Stadtteil Hüls und schließlich zum Hülser Berg, wo die Fahrgäste Wald und Wildtiergehege, Aussichtsturm, Spielplatz, Umweltzentrum und eine Einkehrmöglichkeit erwarten.

Quelle: RP
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