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Brüggen
Bürgermeisteramt ist zur Baustelle geworden

Brüggen: Bürgermeisteramt ist zur Baustelle geworden
Um 1910 hatte das Haus zwei Eingänge. FOTO: Burggemeinde
Brüggen. Ende März will die neue Hausherrin Silke Beckstedde das Café in Bracht eröffnen. Dorfbewohner spendeten Baumaterial und Tassen. Von Birgitta Ronge

Wer noch im Herbst einen Veranstaltungskalender der Gemeinde brauchte oder einen grauen Müllsack kaufen wollte, ging ins alte Bürgermeisteramt. Dort gab es eine lange Theke, auf der lauter Broschüren und Flyer lagen, und hinter der Theke hatte Frau Rumi ihren Arbeitsplatz. Annegret Rumi war immer die erste Ansprechpartnerin für Brachter, die irgendwas im alten Rathaus zu erledigen hatten.

Jetzt ist die Theke weg. Die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung zogen im Dezember um ins Nachbarhaus an der Marktstraße 3. Im alten Bürgermeisteramt, Marktstraße 1, hat Silke Beckstedde das Regiment - oder besser: den Hammer - übernommen. Die Diplom-Ingenieurin der Fachrichtung Innenarchitektur hatte im Sommer mit der Gemeinde Brüggen einen Erbbaurechtsvertrag abgeschlossen. Darin verpflichtete sie sich, das Erdgeschoss einer öffentlichen Nutzung zuzuführen. Dort soll ein Café entstehen. Das Obergeschoss will sie privat nutzen. Zur öffentlichen Nutzung gehört übrigens auch der Rathaussturm am Altweiberdonnerstag.

Seit drei Wochen sind Beckstedde, freiwillige Helfer und Handwerker nun mit dem Rückbau des Hauses beschäftigt. "Einen Tag lang haben wir nur Strippen gezogen - sechs Generationen Stromverkabelung", sagt Beckstedde. Das zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtete Gebäude wurde im Laufe der Jahre für unterschiedliche Zwecke genutzt, unter anderem als Gefängnis und als Poststelle. Beim Rückbau entdecken Beckstedde und die Handwerker Spuren, die die Menschen hinterließen, die hier einst lebten und arbeiteten. Im Untergeschoss legten die Helfer eine gemauerte Wand frei, vermutlich wurde sie 1826 errichtet. In Farbe und Form gleicht kein Ziegel dem anderen. Diese Wand soll nicht überputzt werden, sondern sichtbar bleiben. Auf einer Wand neben der Eingangstür bilden dunkle Schnörkel eine Bordüre - wann wurden sie wohl aufgemalt? Im Treppenhaus legten die Helfer unter dem Putz einen breiten Streifen mit einem schwarz-grünen Muster frei. Und dort, wo einmal der alte Torbogen zur Königstraße hin wieder geöffnet werden soll, fanden die Handwerker beim Öffnen des Bodens eine rostige Türklinke. Unterm Dach hängt vor einer ehemaligen Bürotür noch ein Schild. "Elternbeiträge - Frau Backes" steht darauf.

Ganzer Stolz der neuen Hausherrin ist ein alter Telefonschaltkasten im Obergeschoss - dort liefen alle Leitungen der Verwaltung zusammen. Er soll statt Holztürchen mit einer Glasplatte verschlossen werden, so dass Becksteddes Besucher auch ins Innere sehen können. Der große Einbauschrank, der im Obergeschoss bislang Akten beherbergte, soll ebenfalls bleiben. "Wir möchten retten, was zu retten ist", sagt Beckstedde. Das gilt nicht für die Bereiche, in denen Sicherheit oder Hygiene wichtig sind. Doch da, wo es möglich ist, will sie Altes erhalten oder neu nutzen.

Was für das denkmalgeschützte Haus gilt, gilt auch für viele Dinge, die einen Platz darin finden werden: Die Schätzchen der Vergangenheit, die auf Dachböden, in Kellern oder Garagen schlummerten, erhalten im alten Bürgermeisteramt ein zweites Leben. Nach Spendenaufrufen brachten Dorfbewohner Fliesen vorbei, die sie nicht mehr brauchten, ebenso Farben und Lacke, Tiefengrund und Marmorplatten für die Fensterbänke. Für das Café kamen Backofen und Kühlzelle hinzu. Die einen gaben Leinenstoffe, aus denen Helferinnen nun Kissen nähen wollen, die nächsten stifteten ein altes Service mit Goldrand, das ebenso im Café genutzt werden soll wie die prachtvoll verzierten Sammeltassen der Großeltern. Gipskarton und Mörtel, Fliesenkleber und Fugenmasse sind jetzt noch auf der Wunschliste. "Und wer sich im Trockenbau auskennt, Fliesen legen kann oder sich gern um Malerarbeiten kümmern würde, ist jederzeit willkommen", sagt Beckstedde.

Für sie ist das Bürgermeisteramt ein Projekt, an dem alle mitarbeiten dürfen - ob sie Materialien spenden oder mit anpacken. Ist das Café Ende März, Anfang April erst eröffnet, wird mancher Spender seine Fliesen, mancher Helfer sein Werk wiedererkennen. "Die Brachter sollen sagen: Wir haben dazu beigetragen, dass dieses Gebäude für uns erhalten bleibt", sagt Beckstedde. "Und dieses Dorf schafft so was."

Quelle: RP
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