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Brüggen
Der Geschmack von Heimat

Brüggen: Der Geschmack von Heimat
Der Duft von Weihnachten zieht durch die Landbäckerei: Dort wird jetzt Spekulatius hergestellt. Leo (links) und Willi Alexander Stinges führen mit dem Unternehmen in Lüttelbracht fort, was Ur-Ur-Großvater Leopold 1852 begann. Und die nächste Generation steht schon in den Startlöchern. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Brüggen. Willi Alexander und Leo Stinges fühlen sich mit ihrem Unternehmen in Lüttelbracht der Region verbunden. Täglich werden frische Backwaren an 122 Filialen am Niederrhein geliefert Von Manfred Meis

Bäckerei, ja sogar noch Landbäckerei, und das seit 1852 - da muss es doch staubig, vielleicht sogar verstaubt zugehen. Doch nichts von dem. Wer einen Blick hinter die Fassade des weiß gestrichenen Landhauses an der Lüttelbrachter Straße wirft, sieht einen mit modernster Technik ausgestatteten, klinisch sauberen Backbetrieb, der sich mittlerweile rund 200 Meter tief ins Ackerland ausgedehnt hat. Und immer noch heißen die Eigentümer "Stinges". Willi Alexander (54) und Leo (52) Stinges sind auch stolz darauf, dass sie das Werk ihres Ur-Ur-Großvaters Leopold fortführen dürfen und können. Und sie sind überzeugt, dass sie bei allem technischen Fortschritt ihre Brötchen, Brote, Kuchen und Snacks auch weiter so herstellen können, dass man in ihnen auch das Land schmeckt.

Auf rund 300 Rezepte, in Jahrzehnten vor allem in der Region gesammelt, können die Landbäcker inzwischen zugreifen. "Aber es kommen immer wieder neue hinzu", betont Willi Stinges, "wir entwickeln ständig, probieren, verändern. Es ist ein Prozess, der nie aufhört." Auch in Lüttelbracht werden Ernährungstrends genau beobachtet, werden Anregungen aus fernen Ländern aufgenommen, wird auf Kundenwünsche reagiert. Täglich im Angebot hat Stinges etwa 60 bis 70 Standardprodukte, darunter natürlich das "Patschel"-Brot, benannt nach dem sagenhaften Fischotter aus dem Buch von Heinrich Malzkorn (Born), außerdem etwa 20 Kuchenvariationen für den Café-Bereich und Snacks; hinzu kommen Backwaren je nach Saison: Wiesn-Herzen, Martinsstuten, Spekulatius, Neujahrsbrezel.

Die Beschränkung auf rund 100 Produkte täglich folgt auch dem Prinzip "Frische", denn Stinges beliefert seine 122 Filialen im Halbkreis von 50 Kilometern "um den Kirchturm von Lüttelbracht" zweimal am Tag. Willi Stinges betont "maximal 50 Kilometer", denn sonst könne man den selbst gesetzten Anspruch der frischen Ware nicht mehr erfüllen. "Wir haben nur einen Backstandort hier in Lüttelbracht, wir sind hier verwurzelt, das soll so bleiben", unterstreicht er, wobei er einräumt, dass dabei der Bäcker und der Betriebswirt in ihm etwas unterschiedlicher Meinung sind. "Als knallharter Kaufmann müsste ich vielleicht etwas anders denken." Doch an eine räumliche Expansion ist nicht gedacht, "wir pflegen die bestehenden Standorte".

Wobei das mit dem Backstandort so eine Sache ist. Denn Brötchen werden seit gut drei Jahrzehnten auch in den Filialen hergestellt. Auf die Idee kamen die Eltern Wilhelm und Christa, als sie in den 1960er-Jahren den Schritt aus Lüttelbracht hinaus wagten und mit dem Allkauf-Inhaber Eugen Viehof sen. vereinbarte, in Mönchengladbach einen Back-Shop einzurichten. "Auf einmal zog frischer Brötchenduft durch den Supermarkt, das war ganz neu", weiß Willi Stinges aus Erzählungen. Manchmal wurden dort an einem Tag 12.000 Brötchen verkauft. Die nächsten Shops folgten dann bei Allkauf und Esch in Lobberich. Wilhelm Stinges wurde deshalb in der Branche als "Pionier der Duftbäckerei" bezeichnet.

Die Söhne bauten das Konzept aus und müssen seit einigen Jahren wieder umbauen. Denn die über lange Zeit gute Zusammenarbeit mit dem Discounter Lidl geht zuende, weil die Discounter inzwischen selbst backen und nur eigene Ware im Laden verkaufen wollen. "Wir stellen deshalb immer mehr auf eigene Läden um, meist gleich neben Supermärkten", erläutert Willi Stinges die neue Strategie. "70 Prozent der Standorte sind eigene Läden, uns das ist auch gut so." Ganz neu ist das "Stinges-Landcafé" im Bistro-Ambiente, das zweite wurde kürzlich in Krefeld-Bockum eröffnet. Dafür wandelt sich auch etwas der Markenauftritt: Das bisherige Grün-Gelb der "Landbäckerei Stinges" wird abgelöst von einem modernisierten Fraktur-Schriftzug "Stinges" in Gelb auf grauem Grund, mit der stilisierten Ähre daneben und dem kleinen Hinweis "Die Landbäckerei seit 1852".

Bemerkbar macht sich damit auch schon die sechste Generation, denn Willi Stinges' Tochter Carlotta (23) hat sich während ihres Bachelor-Studiums "International Fresh Business Management" in den Niederlanden schon auf Agro- und Food-Marketing spezialisiert. Während sie berufsbegleitend den Master-Studiengang "Leadership und Management" absolviert, ist Bruder Christopher (19) nach erfolgreicher Bäckerausbildung zu Cousin Fabio nach München gezogen, um wie er auch die Feinheiten des Konditorhandwerks zu erlernen. Und Leo Stinges' Tochter Fiona ist daheim derzeit als Bäckerin tätig. Die Familientradition ist damit gesichert.

Der Zusatz "Landbäckerei" ist für Stinges kein bloßer Marketinggag, sondern auch Verpflichtung: "Wir verstehen uns als regionales Unternehmen und beziehen unsere Produkte auch aus der Region." So kommt etwa das Mehl von Plange in Neuss, Salami und Schinken für belegte Brötchen von der Metzgerei Esser in Erkelenz-Lövenich, Spargel und Erdbeeren für die Kuchen von nebenan: Ingenrieth in Genholt. Und die Landbäckerei ist für die Menschen im Land ringsum da. Viele Jahre lang hat sie Vereine gefördert, die Quittungen über Käufe einreichten: 250.000 Euro gingen an rund 150 Vereine. Nun will die Bäckerei Projekte oder Aktionen aus den Bereichen Sport, Kultur und Soziales fördern, bei denen die Kunden über Facebook mit abstimmen können. "Wir haben bisher schon einzelne Projekte gefördert, das wollen wir nun verstärken", erläutert Willi Stinges, "weil wir uns der Region verpflichtet fühlen".

Quelle: RP
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