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Interview mit Jürgen Domian
"Ich habe in tiefe Abgründe geschaut"

Interview mit Jürgen Domian: "Ich habe in tiefe Abgründe geschaut"
FOTO: dpa
Viersen. Mehr als 21 Jahre lang hat Jürgen Domian Anrufer beraten. Er hat Menschen mit Beziehungskrisen und Selbstmordgedanken ebenso zugehört wie Opfern von Gewalt. In Nettetal spricht er über seine Zeit als Nacht-Talker und über das Leben danach.

Herr Domian, seit einem halben Jahr arbeiten Sie nicht mehr in der Nachtschicht. Haben Sie sich inzwischen an Ihren neuen Tagesablauf gewöhnt?

Jürgen Domian Ja, ich finde es aber immer noch ziemlich exotisch, am Morgen um 9.30 Uhr Brötchen zu holen. Da lag ich früher im Tiefschlaf.

Wie sieht denn ein typischer Tag im Leben von Jürgen Domian heute aus?

Domian Ich arbeite im Hintergrund, schreibe an meinem neuen Roman, der im Herbst erscheinen wird, und bin viel unterwegs. Die ,Domian-redet'-Tour läuft ja hervorragend.

Vermissen Sie es hin und wieder, nachts ans Telefon zu gehen und den Anrufern zu helfen?

Domian Ich vermisse die Sendung und die intensiven Gespräche sehr. Allerdings bin ich froh, nach über 21 Jahren, nicht mehr in der Nacht arbeiten zu müssen.

Haben Sie sich je nach einer Sendung noch einmal mit einem der Anrufer unterhalten oder sogar getroffen?

Domian Vor etwa vier Jahren rief live aus einem Kloster eine Nonne bei uns an. Mit ihr habe ich lange in der Sendung gesprochen. Daraus ist eine sehr enge persönliche Freundschaft entstanden. Ich besuche Schwester Caterina mindestens einmal pro Monat in ihrem Kloster in Köln.

Gab es einen Fall, der Ihnen bis heute besonders in Erinnerung geblieben ist?

Domian Das ist bei über 23.000 geführten Gespräch schwer zu beantworten. Aber gut in Erinnerung ist mir das Gespräch mit einer Frau geblieben, deren Kind entführt, sexuell missbraucht und ermordet worden war. Es war eines der schwierigsten Gespräche für mich.

Wie schwer war es, nach Sendeschluss abzuschalten?

Domian Sehr schwer! Vor halb sechs oder sechs Uhr kam ich nie in den Schlaf.

Geben Sie heute Menschen in Ihrem Freundeskreis Rat?

Domian Meinen Freunden stand ich schon immer mit Rat und Tat zur Seite, und meine Freunde mir ebenfalls. Da hat sich nichts geändert.

Was haben Sie durch die Sendung über Menschen und die Gesellschaft gelernt?

Domian Mein Menschenbild ist schlechter geworden. Das liegt daran, dass ich in so viele und so tiefe Abgründe geschaut habe. Früher konnte ich mir nicht vorstellen, was Menschen imstande sind anderen Menschen anzutun. Andererseits begegnen mir in der Sendung auch so viele mutige, tapfere, selbstlose und gute Menschen. Dies wiegt alles wieder auf und ist der Grund dafür, dass ich nicht ansatzweise bitter oder zynisch geworden bin. Der Mensch ist eben, wie der Mensch ist.

Was erwartet die Zuschauer bei Ihrem Auftritt am Mittwoch, 17. Mai, in Lobberich?

Domian Zwei Stunden sehr gute Unterhaltung. Mal ernst, mal lustig. Wir blicken auf 21 Jahre Domian zurück, ich erzähle sehr viel von mir und meinem Leben, und die Gäste können in einem Fragenblock alles fragen, was sie fragen möchten. Da gibt es keine Tabus. Das ist immer sehr unterhaltsam.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach Ihrer Tour - vielleicht ein neues Buch zu schreiben?

Domian Das neue Buch erscheint zur Buchmesse in Frankfurt und heißt "Dämonen". Darüber hinaus würde ich schon gerne im Fernsehen talken. Ich fände es sehr reizvoll, meine Gesprächspartner endlich mal zu sehen.

TIM SPECKS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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