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Brüggen
Viele Klippen für Rollstuhlfahrer in Bracht

Brüggen: Viele Klippen für Rollstuhlfahrer in Bracht
Zum Glück hat Dietmar Brockes (FDP) den Rollstuhl im Griff: Er hilft mit beim Test der Brachter Straßen. FOTO: Busch
Brüggen. Wie gut sie mit Rollstuhl oder Blindenstock durch Bracht kommen, haben Bürger am Wochenende ausprobiert: Dabei stellten sie fest, dass Menschen mit Behinderungen im Ort auf viele Hindernisse stoßen. Von Wiltrud Wolters

Schweißperlen treten auf die Stirn. Die Autos rauschen vorbei, die Bordsteinkante kommt gefährlich nahe, aber der Rollstuhl gehorcht nicht. Dabei soll er einfach nur geradeaus fahren. Zum Glück hat Dietmar Brockes alles im Griff. Mit einer Warnweste ausgestattet, leitet der Landtagsabgeordnete den Rollstuhl über Brachts Straßen. Bei strahlendem Sonnenschein erkunden rund 20 Fußgänger, Behinderte im Rollstuhl und Sehbehinderte den Brüggener Ortsteil auf der Suche nach Barrieren.

Der Dorfrundgang unter dem Motto "Den Barrieren auf der Spur" entpuppt sich als Hindernisparcours, für die Rollstuhlfahrer ebenso wie für die Sehbehinderten. "Uns ist es wichtig, die Bewohner, die Entscheidungsträger und die Straßengestalter zu sensibilisieren", erklärt Astrid Urgatz vom Planungsbüro Urgatz aus Aachen. Mit Brillen, die die Sicht behindern, und Rollstühlen darf jeder Teilnehmer ausprobieren, wie schwierig es ist, sich mit Behinderungen im Ort zurechtzufinden.

Rund um den Weizer Platz und im weiteren Verlauf im Brachter Zentrum eröffnet sich eine Klippe nach der anderen, angefangen von Bordsteinkanten und den Pflastersteinen über die Poller bis hin zu den Gittern an der Ampel. "Sie kommen am Weizer Platz nicht über die Straße. Sei müssen sich zwischen der Telefonzelle und den Spielgeräten durchwurschteln", sagt Urgatz. Der Zugang zur Kirche ist nur mit Kraft zu bewältigen, der Weg zum Einkaufsmarkt ist versperrt. Waren, Werbeaufsteller und Fahnen blockieren die Strecke. Mit einem Stock ertasten die Probanden mit den Brillen den Weg. "Stopp. Hier müssen wir einen anderen Weg nehmen", erklärt Bauamtsleiter Dieter Dresen und dirigiert um die parkenden Autos herum. Die Sehbehinderten finden kaum allein den Weg, für die Rollis bedeutet es eine enorme Anstrengung, fünf Zentimeter hohe Bordsteine zu überwinden.

Zudem erscheinen die Behindertenparkplätze viel zu schmal, um als Behinderter aus dem Auto zu kommen. Andrea Hanisch, die Behindertenbeauftragte der Gemeinde Brüggen, kennt die Probleme aus eigener Erfahrung nur zu gut, denn der Rollstuhlfahrerin bleibt nicht nur der Zugang zum Rathaus in Bracht versperrt. "Ich kenne meine Wege. Aber es müsste dringend etwas passieren, wenn man sich den Zustand der Gehwege für Schieberollis und Rollatoren anschaut", sagt sie. "Man macht sich keine Gedanken, welche Folgen ein abfallender Bürgersteig hat. Man muss ständig gegensteuern", sagt Tim Gottwald, der gerade aus dem Rollstuhl steigt. Dietmar Brockes ergeht es nicht viel anders. Sein Versuch, sich im Rollstuhl aus dem Brunnen am Bischof-Dingelstad-Platz zu befreien, scheitert kläglich.

Während es für die Rollis ideal wäre, alles möglichst eben zu haben, suchen die Blinden und Sehbehinderten Anhaltspunkte. "Ich habe meinen Plan im Kopf und präge mir alle Dinge ein, gegen die ich stoße. Wenn die aber verändert werden, wird es schwierig", sagt Manfred Meyer. Der Mönchengladbacher spricht von "Aufmerksamkeitsfeldern", die Blinde bräuchten, wie Straßenrinnen oder Noppenreihen. Sie müssten "elastisch" gehen und sehr sensibel die Umwelt wahrnehmen. Das demonstriert auch Antonio dos Santos. Der Niederkrüchtener verlor 2004 durch den Grünen Star sein Augenlicht. "Ich höre und spüre Gegenstände. Manche machen Geräusche, um Hohlräume wie Einfahrten zu hören", sagt er.

(RP/anch)
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