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Wermelskirchen
Kaum Schutz vor der sengenden Sonne

Wermelskirchen: Kaum Schutz vor der sengenden Sonne
Levent Alacam (30, vorne) und Mehmet Dibekci (42) setzen auf der L 157 unter knallblauem Himmel rund 90 Kilogramm schwere Bordsteine. FOTO: Jürgen Moll
Wermelskirchen. Ganz Deutschland stöhnt unter der brütenden Sahara-Hitze. Auch in Wermelskirchen hilft eigentlich nur: viel trinken und ein Schattenplätzchen suchen. Vor allem wer draußen arbeitet, muss aufpassen. Eine Rundfahrt. Von Jan Dobrick

- Olaf Grimm kann man den Plansch-Wunsch von den Augen ablesen. Der 43-Jährige sehnt sich nach einer Eistonne, Cocktails mit Schirmchen und einem Mittagsschläfchen. Hitzefrei gibt es für ihn aber nicht: Grimm muss auf der Burger Straße zwei Ampeln, Warnschilder und Absperrbaken aufstellen - hier soll die Fahrbahn weggefräst werden, es wird kurzzeitig einspurig. Schon seit drei Uhr morgens ist er auf den Beinen. "Damit ich mich, wenn es so richtig heiß wird, wieder auf den Heimweg nach Dortmund machen kann." Auf 250 Metern verteilt er insgesamt 22 Baken und zwei Tonnen Gewichte. Ein Gewicht wiegt 38 Kilogramm. Sein schwarzes T-Shirt und die orange Latzhose sind schweißnass. "Auf dem Asphalt habe ich leider kaum eine Chance, Schutz vor der brüllenden Sonne zu finden", bemerkt Grimm - und programmiert die erste Ampel.

- Auf der feuerroten Haut von Levent Alacam könnte man gut und gerne ein saftiges Steak braten. Der 30-Jährige setzt mit seinen beiden Kollegen Mehmet Dibekci (42) und Wilko de West (58) rund 90 Kilogramm schwere Bordsteine - unter knallblauem Himmel in der prallen Sonne. "Bei diesen Temperaturen ist eigentlich jede Bewegung anstrengend", sagt Alacam, der am Gehweg zwischen Steinen, Sand und Zement kniet - und fleißig an einem Ganzkörpersonnenbrand arbeitet. Wenigstens ist auf der Landstraße für genügend Flüssigkeit gesorgt: "Die Anwohner kümmern sich gut um uns. Sie bringen ab und zu kalte Getränke."

- Johannes Huhn strampelt sich auf dem voll beladenen, gelben Post-Dreirad die Seele aus dem Leib. Viel lieber würde er einen Bollerwagen zum Freibad ziehen, doch erst muss der Briefträger seine Runde beenden. "Der Fahrtwind kühlt ein wenig, ich bekomme manchmal Getränke angeboten und darf mir hier und da das Gesicht waschen. Das erleichtert mir die Arbeit natürlich", sagt der 20-Jährige, der glücklicherweise nicht ausschließlich auf seine Muskelkraft angewiesen ist, sondern beim Strampeln von einem Elektromotor unterstützt wird. In Hülsenbusch hilft ihm aber auch der Motor nicht: "Da gibt es ein ziemlich steiles Stück, auf dem ich das schwere Dreirad schieben muss." Das macht müde: "Nach der Arbeit esse ich, dusche und falle dann ins Bett."

- Erst Schlafzimmerschränke, Autoräder, die Küche und dann eine Kommode aus massivem Holz: Thomas Müller - Hautfarbe: mittlerweile fast Kastanienbraun -, Inhaber eines Möbelservices, räumt mit sieben Mitarbeitern eine 80 Quadratmeter große Wohnung im zweiten Stock leer. "Ich würde den Kopf am liebsten in den Kühlschrank stecken - der ist aber nicht mehr angeschlossen", sagt der 47-Jährige augenzwinkernd. Sein T-Shirt ist völlig durchnässt. "Das ist wirklich fieses Tauwetter, wir schwimmen regelrecht in unseren Arbeitsschuhen." Müllers Mitarbeiter müssen bei dem Wetter nur vier Tage pro Woche arbeiten. "Jeden Tag hat ein anderer Hitzefrei."

- Dirk Müller, Geselle beim Malerbetrieb Carsten Becher, turnt bei der Sahara-Hitze auf einem Gerüst herum, um die Fenster eines Hauses anzustreichen. Der 43-Jährige ist gerade aus dem Málaga-Urlaub zurück: "Ich bin Sonne gewöhnt, obwohl es auf dem Gerüst schon ganz schön heiß wird." Die Metallstreben kann er kaum anfassen, ohne sich die Finger zu verbrennen. "Immer wenn ich mich auf die glühenden Metallbeschläge der Dielen knie, zucke ich zusammen." Müller hat sich ordentlich mit Sonnenmilch eingecremt, legt sich ein nasses Handtuch über den Nacken und macht ein paar zusätzliche Trinkpausen. "Sicher ist sicher."

- Michel Dietzsch (25) und Marvin Schreiner (23) haben einen Vorteil: Sie können häufiger mal das Fenster aufmachen und frische Luft reinlassen. Die beiden Fensterputzer vom Clemens Kleine Gebäudeservice haben noch kein Feuer gefangen, obwohl sie acht Stunden am Tag der Sonne ausgesetzt sind. "Ab und zu halten wir den Kopf unter laufendes Wasser. Aber wir können auch nicht klitschnass in die Büros reinrennen", sagt Schreiner. 15 Termine zwischen Wermelskirchen, Leverkusen und Kleve haben die Beiden täglich. Schreiner: "Gut, dass unser Wagen eine Klimaanlage hat."

(12.10 Uhr, 29 Grad)
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