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Wesel
Wie es euch gefällt

Wesel: Wie es euch gefällt
FOTO: Malz, Ekkehart (ema)
Wesel. Die Burghofbühne Dinslaken hat unseren Autor zum Liebhaber des Theaters gemacht. Nachdem er mit vier schon im Kindertheater saß, hat ihn das Schauspiel nicht mehr losgelassen. Eine Liebeserklärung.

Wenn ich jetzt schreiben würde, wie das Stück hieß, das ich als erstes gesehen habe, dann wäre das eine Lüge. Ehrlich: Keine Ahnung. Ich war vier oder fünf und meine Mutter hatte mich in ein Theaterstück für Kinder gesetzt. In der Stadthalle saßen, und daran erinnere ich mich tatsächlich, Hunderte Kinder. In meiner Vorstellung war es dort wahnsinnig eng, aber, als ich nach Hause kam, habe ich erst einmal das ganze Stück nachgespielt. Mit Kasperlefiguren oder Spielzeug. Alles noch mal durch.

Die Burghofbühne Dinslaken ist meine erste und meine letzte Erinnerung, wenn ich an Theater denke. "Das Bildnis des Dorian Gray", die Premiere von diesem Oktober, habe ich gesehen, wieder mit meiner Mutter - wie ich so oft in den vergangenen Jahren mit ihr in der Kathrin-Türks-Halle war. Ich habe das Stück für diese Zeitung rezensiert; meine Begeisterung war mäßig, ich haderte etwas mit der Inszenierung. Doch ich dachte auch noch zwei Tage nach der Aufführung darüber nach: Was sollte es bedeuten, dass das Bildnis nie zu sehen war? War das falsch - oder habe ich den Kniff einfach nicht verstanden? Auf die Antwort kommt es aber gar nicht an. Es ist doch eine Erfüllung, ein irrsinniger kultureller Reichtum, dass ich mir solche Fragen stellen darf.

Die Burghofbühne und ich. Das ist eine stille, eine heimliche Liebe. Und natürlich eine unerfüllte Liebe. Dem Landestheater kann es ja egal sein, wie ich zu ihm stehe. Aber jetzt, in diesen Tagen, in denen Buchhalter die Regentschaft zu übernehmen glauben, musste ich es der Burghofbühne mal sagen.

In jeder Stadt, in die ich reise, muss ich ein Theater besuchen. Muss sehen, was sie spielen, wie sie es spielen. Meine Güte, ich bin kein Literaturpapst, kein Theaterwissenschaftler. Aber ich empfinde es als unwahrscheinlich wohltuend, für zwei, drei Stunden in einem Raum ohne Internetanschluss zu sitzen, ohne klingelnde Telefone, ohne Flimmern. Wo Menschen, die sich monatelang mit brutalen Texten gequält, den Kopf zerbrochen und die Gestik studiert haben, mir ihre Idee von dem Stück beibringen wollen.

Dass ein Mehrheitsbündnis im Kreistag knapp 300.000 Euro aus einem rund 500 Millionen Euro großen Haushalt streichen will, um ein bisschen Theater einzusparen, macht mich wahnsinnig. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt und schaffen es, uns selbst einen Hort der Freude und des Intellekts zu stehlen. Dass die Finanzen die Menschen regieren und nicht die Menschen die Finanzen, ist ein bitteres Eingeständnis. Das andere ist, dass ein paar Politiker, die um die wahrhaftige Bedeutung von Theater und Kultur im Kreis wissen sollten, da mitmachen. Zur Burghofbühne zu gehen, ist wie nach Hause kommen. Ich wohne zwar nicht mehr in Dinslaken, sondern in Düsseldorf. Aber wenn eine Premiere des Landestheaters ansteht, kehre ich noch lieber zurück. Wenn der frühere Intendant Thorsten Weckherlin auf die Bühne ging, um die Inszenierung zu erklären, dann habe ich mich manchmal geärgert, dass der Vorspann zu lang war. Auch wenn es schön war, wie er es erzählt hat. Aber das Stück musste doch losgehen. Und dann bin ich eingetaucht in eine andere Welt. HENNING RASCHE

Quelle: RP
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