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Vor 70 Jahren - Willich in der Nachkriegszeit
Als das Chaos regierte

Vor 70 Jahren - Willich in der Nachkriegszeit: Als das Chaos regierte
Nachkrieg in Willich: Trümmerräumen an der Hannen-Brauerei. FOTO: Stadtarchiv Willich
Willich. Juli 1945: Seit drei Monaten ist im Kreisgebiet der Krieg zu Ende - doch die Leiden der Bevölkerung dauern an. Wie die ersten Monate nach Kriegsende in Willich aussahen, schildert die RP in einer Serie. Von Hans Kaiser

Willich Am 2. März 1945 haben die Amerikaner das Gebiet der heutigen Stadt Willich endgültig besetzt. Der Weltkrieg ist zu Ende. Er hat schwere Verluste gekostet: Aus den vier heutigen Stadtteilen Alt-Willich, Anrath, Neersen und Schiefbahn sind 897 Soldaten gefallen, 802 werden vermisst. 92 Zivilisten sind umgekommen. Elf von ihnen in Alt-Willich bei einem jähen Luftangriff am 22. Oktober 1944. Die Bomben galten dem deutschen General Hasso von Manteuffel, der sein Quartier in der Villa Hausmann Ecke Parkstraße/Bahnstraße genommen hatte. Manteuffel war damals Kommandeur der 5. Panzerarmee, die weiter südöstlich in der Eifel zur Ardennen-Offensive zusammengezogen wurde. Er wollte die 116. Panzerdivision inspizieren, die seinem Befehl unterstellt werden sollte und sich gerade zur Auffrischung im Raum Mönchengladbach-Schiefbahn befand - die legendäre Division "Windhund". Aber die Bomben gingen fehl und vernichteten das unweit gelegene Fachwerkhaus "Zum Grunewald" aus dem Jahre 1737. Bei der Beschießung der Ortschaft durch die einrückenden Amerikaner und durch Jabo-Angriffe sind am 1./2. März 1945 noch einmal 23 Männer, Frauen und Kinder ums Leben gekommen.

Unersetzlicher Kriegsverlust in Alt-Willich: Das Grunewaldhaus an der Bahnstraße, wo heute das Sparkassengebäude steht. Dem Angriff am 22. Oktober 1944 fiel auch das gegenüber der Villa Hausmann liegende Haus des Tierarztes Dr. Bernhard Heller zum Opfer. FOTO: Kreisarchiv Viersen

Frieden herrscht noch lange nicht, dafür ist die Zukunft zu ungewiss, sind die Verhältnisse zu chaotisch. Die "Stunde Null" zwischen dem Ende des "Dritten Reiches" und der Wiederherstellung geordneter Lebensformen trifft die Menschen unvorbereitet. Alle Kräfte aufs nackte Überleben gerichtet, sind sie sich des bedeutenden Einschnitts kaum bewusst. Noch Wochen lang liegt vor dem Rathaus am Kaiserplatz eine deutsche Panzerfaust, Relikt der letzten Kämpfe - aber wen kümmert's? Man hat andere Sorgen.

Am 3. März haben die Amerikaner den Willicher Bürgermeister Hans-Joachim Balthasar, NS-Parteigenosse seit 1931, abgesetzt und zum einstweiligen Nachfolger den Gemeindeinspektor Josef Webers ernannt. Der richtet in seiner Wohnung Ecke Martin-Rieffert-Straße/Friedrichstraße eine provisorische Verwaltungsstelle ein. (Im Rathaus am Kaiserplatz liegt amerikanische Besatzung.) Da passiert es schon mal, dass ein Bürger beim Eintreten wie gewohnt die Hand zum "Deutschen Gruß" erhebt und anschließend ganz verlegen "Guten Tag!" sagt.

Webers versucht vor allem, die Geschäftsleute an der unkontrollierten Abgabe ihrer Waren zu hindern, um die wirklich Notleidenden zu versorgen. Die Polizeibeamten sind inhaftiert worden, so macht man sechs Feuerwehrleute zu Hilfspolizisten. Am 13. März ernennt der Ortskommandant, Lieutenant Albert S. Friedländer, den Landwirt Karl Dammer zum Bürgermeister. Die Bestallung findet im Beisein des Willicher Dechanten Joseph Schuwerack im Keller des Brauereibesitzers Josef Hausmann, Bahnstraße 48, statt.

Diese erste Willicher Nachkriegsverwaltung bezieht leerstehende Räume in der Krankenkasse am Kaiserplatz. Als ihre Mitarbeiter - Gemeinderentmeister Paul Görtzen, die Verwaltungsangestellten Wilhelm Franssen und Wilhelm Schmitz und der Verwaltungslehrling Hans Franken - Ende April das Rathaus wieder betreten können, bietet sich ihnen ein Chaos: Durch eine Bombenexplosion sind am 28. Februar 1945 alle Fensterscheiben eingedrückt worden. Die Akten liegen auf der Erde, sind zum großen Teil von befreiten Fremdarbeitern mit Tinte beschmiert, teilweise auch verbrannt worden. Die Schreibmaschinen sind gestohlen. Mühsam kann eine notdürftige Registratur erarbeitet werden.

Dammer, als provisorischer Bürgermeister Mann der ersten Stunde, macht sich mit Tatkraft und Umsicht an die Arbeit. Als Inhaber der örtlichen Polizeigewalt hat er den eingehenden Meldungen nachzugehen: Auf einem Willicher Bauernhof ist ein ehemaliger SS-Mann aufgetaucht, der behauptet, im KZ Buchenwald fünf Häftlinge umgebracht zu haben. Wachtmeister Pempelfort soll vorsichtig recherchieren und den Menschen, wenn notwendig, verhaften. Einrichtungsgegenstände, die amerikanische Besatzer zur Möblierung ihrer Quartiere verschleppt haben, müssen aufgefunden und zurückgebracht werden. Beleidigungs- und Diebstahlsdelikte warten auf Schlichtung. Gerichte gibt es noch nicht. Vor allem tut not, Textilien und Nahrungsmittel zu bewirtschaften, das heißt zu rationieren und nur gegen Bezugsschein zu verkaufen; die Preise sind zu überwachen, die Forstbestände vor dem Kahlschlag zu bewahren. Bei den Beckershöfen wird eine Flak-Scheinwerferstellung demontiert, das Gelände wieder unter den Pflug genommen. Kurz: Das Chaos regiert, aber allmählich kriegt man's in den Griff ...

Quelle: RP
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