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Stadt Willich
Ein Mainzer Blick auf Preußen: Wie Bolle janz köstlich amüsiert

Stadt Willich. Publikum feierte am Samstag die Premiere von "Pension Schöller" bei den Schlossfestspielen Neersen mit Ovationen und Fußgetrappel. Von Heribert Brinkmann

Er hat es geschafft: In nur wenigen Wochen hat sich Jan-Christof Kick in die Hauptrolle eingearbeitet, die er vom verhinderten R.A. Güther übernahm. Und bravo, es hat wunderbar geklappt, nicht als Notlösung, sondern mit Bravour. Kick ging in der Rolle völlig auf, endlich einmal eine Hauptrolle für ihn. Dass er dieser Rolle einen besonderen Kick gab - dieser Kalauer verbietet sich. Nur im zweiten Akt wird Regisseur Jan Bodinus noch ein wenig nachbessern müssen. Vor der Pause gerät es etwas zum Klamauk, wenn sich Philipp Klapproth den Sekt nur so reinkippt.

Die Inszenierung ist temporeich, das gesamte Ensemble auf der Bühne übertrifft sich an Spielfreude und Esprit. Man merkt, dass sie im Verlaufe der Proben und Aufführungen zu einem Ensemble zusammengewachsen sind. "Pension Schöller" ist ein tolles Stück, wunderbar geschrieben, mit Esprit, rasant, vielen Pointen und Charme, aber auch Liebe zu den Figuren. Dass ein Provinzler aus der Mark Brandenburg auf den Trick reinfällt, eine Pension voller skurriler Gäste für ein feines Irrenhaus zu halten, ist überhaupt nicht überdreht. Zumal die Grenzen verschwimmen, und sich jeder unwillkürlich fragt, was ist normal? Und wer ist eigentlich nicht verrückt? Geschrieben haben dieses Lustspiel zwei Rheinländer: Wilhelm Jacoby und vor allem Carl Laufs, die beide im Mainzer Karneval aktiv waren. Aus der rheinischen Provinz schauen sie auf die junge Hauptstadt des Kaiserreiches, auf ihren rasanten Aufstieg in der Gründerzeit, ihre Ambivalenz zwischen preußischem Militarismus und den Vergnügungen immer breiterer Bevölkerungskreise. Auch in der "Pension Schöller" will man mit Soiréen der feinen Welt nacheifern. Für die Autoren war es sicher ein Fest, auch die Künste durch den Kakao zu ziehen - die Kammersängerei, das Theater und die Schriftstellerei.

Am Ende gab es Fußgetrappel, das Premierenpublikum applaudierte stehend. Zu Recht, der Abend war ein Feuerwerk der guten Laune. Der Applaus galt dem gesamten Ensemble, vor allem aber Jan-Christof Kick, der als Berliner den richtigen Slang schon mitbrachte. Zum Publikumsliebling avancierte aber auch ganz schnell Gideon Rapp, den verhinderten Schauspieler mit dem Sprachfehler. Allein für jedes "L" ein "N" zu sprechen, war allein ein Glanzstück. Aber seine übertriebenen Kostproben aus "Hamnet" und "Wannensteins Nager" von Schinner, immer mit dem Reclam-Heft in der Hand deklamierend, waren allein schon ein riesiger Spaß. Claudia Dölker konnte als bemühte "Schriftstellerin" ihr komödiantisches Talent wieder voll ausspielen. Zum Glück weiß man, dass sie gut singen kann, anders als sie als Josephine Kröger in der Pension Schöller auftrat. Köstlich überdreht auch Hartmut Scheyhing als Großwildjäger Fritz Bernhardy, der mit ewigem Tropenhelm, Gewehr und Kescher ständig in die Welt reist - auf der Flucht vor weiß was. Und auch Major a. D. Gröber (!) (Kay Szacknys) hat das Leben mehr Wunden geschlagen als der Lungensteckschuss bei der Schlacht von Metz. Der ruhende Pol in der Pension Schöller ist Heinz-Hermann Hoff als Schöller, unterstützt von seiner Schwägerin Amalie Pfeiffer (Lena Stamm), die unermüdlich auf der Suche nach einem Mann für ihre Tochter Friederike (Nina Damaschke) ist. Auch die kleineren Rollen sind bestens besetzt: Isabell Dachsteiner und Sarah Elena Timpe als Ulrikes Töchter, Klapproths Schwester (Bettina Dornheim), der Butler und Kellner (Sven Post), der Kunstmaler (Holger Stolz) und Klapproths Neffe (Andreas Werth). Ein Bravo auch für zeitgetreue Kostüme und das genial einfache Bühnenbild (Silke von Patay).

Quelle: RP
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