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Stadt Willich
Lili Marleen: Von der magischen Anziehungskraft eines Liedes

Stadt Willich: Lili Marleen: Von der magischen Anziehungskraft eines Liedes
Inez Timmer, die Jazz und Theater in Hilversum studierte, ist fasziniert von Künstlerinnen wie Marlene Dietrich, Lale Andersen und Zarah Leander. FOTO: W. KAISER
Stadt Willich. Im Rahmen der Schlossfestspiele Neersen gastierten Inez Timmer und Tseard Nauta mit dem musikalischen Stück "An allen Fronten: Lili Marleen und Lale Andersen" von Gilla Cremer. Von Angela Wilms-Adrians

Eine Kinderstimme sang - unschuldig, unbekümmert und über die Grammophon-Aufzeichnung in zeitversetzt anmutender Verfremdung. Diese Kinderstimme sang das Lied von "Lili Marleen", das Lied, das Soldaten an allen Fronten Trost gab, dessen Melodie aber auch bei Massenerschießungen und vor Krematorien gespielt worden war. Es war das Lied, das den roten Faden bot für die beeindruckende Aufführung "An allen Fronten: Lili Marleen & Lale Andersen". Charakteristisches Requisit auf der kleinen Bühne im Ratssaal von Schloss Neersen war eine Straßenlaterne, unter der ein Mädchen wie Lili gestanden haben könnte. Über schlichte Lichteffekte wurden Wechsel von Ort und Emotionen dezent untermalt.

Im Rahmen der Schlossfestspiele gestalteten die niederländische Schauspielerin und Sängerin Inez Timmer sowie ihr Begleiter Tseard Nauta einen eindringlichen Abend, der so Vieles auf berührende Weise verwob. Es war die Geschichte der Lale Andersen und ihres Liedes, das zum Lebensbegleiter wurde. Es war zugleich eine Geschichte über die Sehnsucht nach Liebe und Frieden, über Ängste, pragmatischen Selbsterhaltungstrieb, Zweifel und Nöte. Dabei waren die Grenzen zwischen Schauspiel und Musik, Kommentar und Reflexion immer fließend. Inez Timmer spielte und sang die Lale Andersen, doch sie verwandelte sich über Stimme und Gestik ebenso in die Personen, die ihr Leben begleitet und mitgeprägt hatten. Sie zeichnete weich Andersens Liebe zu Rolf Liebermann, wie auch im Kontrast dazu den Wunsch nach Unabhängigkeit und pragmatisches Karrieredenken. Die Darstellerin kristallisierte erschütternd Ängste und den nagenden Zwiespalt heraus. Sie spielte eine Frau, die ihre Kinder der Karrierewünsche wegen zurückgelassen hatte, aber doch voller Sehnsucht und Sorge an diese Kinder dachte. Die szenischen und emotionalen Wechsel ließ Timmer im ausdrucksstarken Spiel und Gesang absolut authentisch wirken. So schuf sie ein atmosphärisches Gesellschafts- und Seelengemälde im Zugzwang von Politik und Historie.

Tseard Nauta war nicht einfach nur Begleiter an Klavier, Akkordeon und Gitarre, sondern mitunter auch unversehens Dialogpartner in Spiel und Duett. Ihm gehörte der Auftakt des Schauspiels mit Musik von Gilla Cremer. "Wann kann man ein Lied für schuldig erklären?", fragte Nauta und gab damit die Frage vor, die das Stück entscheidend mitprägt. Einem Erzähler gleich, kündigte der Musiker zu Beginn an, dass die Geschichte der Lale Andersen beinahe ebenso absurd sei wie die des Liedes. Inez Timmer rang der Melodie viele Nuancen ab. Schließlich sang sie dieses Lied in der verzweifelt aufbäumenden Traurigkeit eines zerstörten Traums. Das Publikum dankte mit begeistertem Beifall.

Quelle: RP
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