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Serie Musik Und Wunder
O wundernswerter Tausch oder das Licht in der Landschaft

Serie Musik Und Wunder: O wundernswerter Tausch oder das Licht in der Landschaft
Gerard David (um 1460-1523), "Die heilige Nacht", um 1495. Öl auf Eichenholz, 57 x 41 cm. Kunsthistorisches Museum Wien. FOTO: DPA
Willich. Marcell Feldberg, Schriftsteller und Kirchenmusiker in Schiefbahn, lässt seiner Adventsserie für die Rheinische Post einen Text zum Heiligen Abend folgen.

Es war am letzten Sonntag der Adventszeit. Ich hatte endlich einmal Zeit gefunden, ein Konzert zu besuchen, um mich musikalisch ein wenig auf das bevorstehende Weihnachtsfest einzustimmen. Ich fuhr in Richtung Roermond. Diese niederländisch-limburgische Stadt lag vor mir noch in einiger Entfernung. Die winterlich dunklen Felder Flanderns waren schon wie ein Schatten zu erahnen. Dahinter verbarg sich das Licht des Südwestens, oder zumindest mein Wunsch, eine Vorstellung von der Weite der französischen Landschaft. Auf dem Programm des Konzerts in der Kathedrale von Roermond stand franko- flämische Musik der Renaissance. Also eine Musik, die im 16. Jahrhundert ungefähr in dieser Gegend entstanden war. Ich saß in der fast völlig dunklen Kirche. Vor dem Altar stand ein Ensemble aus wenigen Sängern um ein einziges großes Notenpult herum. Ein paar Kerzen spendeten spärlich Licht. Das erste Stück begann, "Preter rerum serium" des alten Meisters Josquin Des-prez (1455-1521). Und wirklich: Die Stimmen setzen sich aus der Tiefe heraus "über den Lauf der irdischen Dinge" hinweg in eine immer lichter werdende Bewegung. Eine Melodie wurde von Stimme zu Stimme weitergereicht, ja geradezu weiter geschenkt. Das Geheimnis der Geburt Christi wurde auf eigenartige Weise nicht nur beleuchtet, vielmehr durchleuchtet. Die Singstimmen sponnen Fäden wie aus Licht, die in wiegender Bewegung einen Stoff webten, eine Art von luminösem Leinen. Die Musik legte sich sanft wie ein Mantel über meine Gedanken, wie ein Pallium. Musik als Palliativ...

In einem weiteren Stück wurde ein "Wundernswerter Tausch" besungen. Johannes Regis, ein Zeitgenosse von Desprez schien das Wort vom "Tausch" beim Wort beziehungsweise bei den Tönen genommen zu haben. In seinem wunderbar warmen Stimmengeflecht erklingen Fragmente einer Melodie in allen Singstimmen, in einer Art von ständigem Stimmentausch. Der Komponist hat mit stillem Glanz einen Kerngedanken der Weihnachtsbotschaft in Klänge gefasst: Gott wird Mensch. Mit der Geburt seines Sohnes schenkt er sich den Menschen. Der Sohn wiederum wird sich ebenfalls verschenken und die Menschen erlösen. Ein Bild, ein Augenblick, der ganz von innen, aus sich selbst heraus erstrahlt. Eine innige Musik gegen die aufziehende Kälte, die aus den Fugen des steinernen Fußbodens der Kirche langsam in meine Knochen kriecht. Bei der Heimfahrt klang die Musik dieses Abends lange in mir nach. Ich fühlte mich im Auto wie in einem Unterstand und blickte in das transparente Licht der Landschaft, ein ganz anderes, stilles Leuchten als das der unzähligen Christbaumbeleuchtungen und Lichterketten: Fluidum eines aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft wirkenden Stoffs.

VON MARCELL FELDBERG

Quelle: RP
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