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Xanten
Als Menzelen Drehkreuz war

Xanten: Als Menzelen Drehkreuz war
Station Menzelen-Ost um 1930: Der Bahnhof hinter der Kirche St. Walburgis, eher ein Haltepunkt in dem dicht besiedelten Ort, ging 1908 in Betrieb. Theodor Angenendt (3.v.l) ist einigen heute noch bekannt als "Hasen Thei". FOTO: Verein für Geschichte
Xanten. Eine neue Dorfchronik berichtet von Menzelen als wichtigem Bahnstandort in NRW - fünf Bahnhöfe gab es dort einst. Von Bernfried Paus

Tokio. Ein Mann steigt in den Bus, ordert ein Ticket: "Einmal Menzelen, bitte." Der Busfahrer fragt cool nach: "Menzelen-West oder Menzelen-Ost?" Ein Witz. Aber mit einem realen Hintergrund. Im 4000-Seelenort kreuzten einst drei Bahnlinien. Er hatte nicht weniger als fünf Bahnhöfe. Längst hält kein Zug mehr in Menzelen. Weder in West noch in Ost. Aber selbst die geläufige Unterscheidung der dörflichen Teilung geht auf die Bahn zurück. Von der einstigen Blütezeit auf Schienen berichtet das Heft Nr. 9 in der Reihe Schriften zur Dorfchronik, die der Verein für Geschichte und Brauchtum herausgibt.

Autor Fritz Nühlen (82) bringt neben dem Resultat ausführlicher Recherche auch viele persönliche Erlebnisse in der Welt der Eisenbahner mit ein. Er ist Sprössling eines Bahnekerls. Das 55 Seite starke Heft mit dem Titel "Knotenpunkt bedeutender Bahnlinien" ist auf dem Hobby- und Handwerkermarkt zu ersten mal angeboten worden. Preis: 8 Euro. Noch sind Exemplare zu haben. Das Geld ist gut angelegt. So erfährt der Leser, dass die Menschen in Menzelen einst an den Gleisen standen, um einen Blick auf Kaiser, König und Zaren zu werfen oder wenigstens auf feine Damen mit eleganten Hüten, geschmückt von "Pleureusen", wie die langen Straußenfedern vornehm genannt wurden. Menzelen war von 1878 an Anlieger der Boxteler Bahn, direkte Verbindung zwischen London und St. Petersburg - eine historische Verbindung.

Autor Fritz Nühlen (r.) und Klaus Karmann, Geschichtsverein FOTO: Arfi

Viele Orte haben damals darum gekämpft, an diese Linie zu kommen. Menzelen hatte das Glück der idealen Lage. Die Linie führte zwangsläufig und unmittelbar hinter der Eisenbahnbrücke über den Rhein vor den Toren der Garnisons- und Festungsstadt Wesel nach Menzelen, weiter nach Westen in Richtung Niederlande. Der Zug wurde von Lokomotiven gezogen, die auf den stolzen Namen "Blauer Brabant" getauft und die Wagen der ersten Klasse gelb, die der vierten Klasse grau waren. Heute soll die Boxteler Bahn wieder aktiviert werden - als Trasse für Radtouristen.

Vier Jahre vor der Boxteler Bahn beendete 1874 der Zug zwischen Wesel und Venlo mit Tempo 40 das Zeitalter der Postkutschen, die am Gasthof Grünthal Station machten. Der Bau der Strecke brachte Arbeit und führte allmählich hinaus aus den ärmlichen ländlichen Verhältnissen. An sieben Tagen in der Woche wurde bis zu zwölf Stunden mit Pickel und Spaten geschuftet - für einen Taler pro Tag.

Doch erst der 1904 frei gegebene Schienenstrang von Kleve nach Rheinhausen brachte mächtig was in Bewegung auf dem Land im Vorhof der Domstadt Xanten. Der Anschluss an die gut bezahlten, daher attraktiven Jobs im aufblühenden Revier war geschafft. Der "Kruppzug" sorgte nach Schichtwechsel im Stahlwerk dafür, dass die große Treppe zum Turmbahnhof Menzelen-West "schwarz war vor Menschen" war, erzählt Klaus Karmann.

Der Mann des Geschichtsvereins hat nicht nur im Bahnhof Birten, der damals zu Menzelen gehörte, mit seinem Zwillingsbruder Wilfried das Licht der Welt erblickt und später seine Ausbildung bei der Bahn gemacht. Das schwarze Telefon vom Vater - ein Kurbelinduktor, an dem der Bahnwärter im Stellgleis die Order erhielt, die Signale richtig zu setzen - hat er als Trophäe in die Jetztzeit hinübergerettet.

Die Bahn brachte die Menzelener nicht nur zur Arbeit, sondern sorgte ihrerseits für Jobs. So hat Fritz Nühlen in der Schulchronik von 1900 bis 1945 herausgefunden, dass die Väter einer halben Hundertschaft von Schülern mit "Leib und Seele" Eisenbahner waren, die ihre Uniform mit Stolz trugen.

Der 82-jährige Chronist erinnert sich gern daran, dass er als junger Bursche dem Vater den Henkelmann ins Bahnhäuschen "Mo", später ins "Stellwerk Mw" gebracht hat. Er erzählt die Geschichte des Süßigkeitenautomaten der Firma Stollwerk im Turmbahnhof West, der für ein paar Pfennige das Fenster zu den begehrten Schächtelchen mit gebrannten Mandeln öffnete. Der Stahlschrank fand später den Weg in den Keller im Haus Nühlen - als feuerfester Tresor.

Nach dem Krieg war für die Menschen im Kohlepott die Verbindung zu den niederrheinischen Bauern überlebenswichtig. Die "Hamsterzüge" waren deshalb hoffnungslos überfüllt mit Leuten, die mit ihren Habseligkeiten selbst auf Trittbrettern und dem Dach einen Platz ergatterten, um Brot, Mehl oder Speck einzutauschen. In den Kurven warteten vermummte Gestalten auf Kohlenzüge, um bei waghalsigen Manövern Brennmaterial zu ergattern, damit's in den winterlichen Wohnstuben mal wieder richtig warm wurde.

Beim Hochwasser im Januar 1926 waren die Bahndämme überflutet. "Das Dorf ist abgeschnitten von der Außenwelt", so die Kirchenchronik. Heute hält hier kein Zug mehr.

Bestellungen bei Fritz Nühlen unter Tel. 02802 2499 oder Klaus Karmann unter Tel. 02802 5633.

Quelle: RP
 
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