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Xanten
Bäckerei mit eigener Windmühle

Xanten: Bäckerei mit eigener Windmühle
Die Kriemhild-Mühle ist ein Blickfang im Xantener Stadtbild. Sie ist aber nicht nur Tourismusattraktion, sondern auch ein Betrieb mit 22 Mitarbeitern. FOTO: OO
Xanten. Rolf Peter Weichold, Betreiber der Kriemhild-Mühle in Xanten, sieht sich als Müller, Bäcker und Pädagoge. Von Erwin Kohl

"Zweimal im Jahr hat sich die Nachbarschaft in dem Gemäuer getroffen und, oben lag knöcheltief der Taubendreck auf dem Boden", erinnert sich Rolf Peter Weichold. Das war im Jahre 1989, Weichold hatte gerade in den benachbarten Niederlanden eine Ausbildung zum Müller abgeschlossen und war auf der Suche nach einer geeigneten Mühle. Diese sollte mit möglichst wenig Aufwand betriebsbereit gemacht werden können. Davon gibt es hierzulande nicht allzu viele Die Kriemhild-Mühle kam also wie gerufen für den Berufsanfänger. "Als sie den jungen Mann sahen, der das Müllerhandwerk in Holland erlernt hat, war man zunächst skeptisch", erklärt Weichold. Schließlich hatte der Rat ein Einsehen und übergab die mit Fördermitteln für rund 150 000 Mark komplett restaurierte Kriemhild-Mühle schlüsselfertig an den jungen Müller. Der hat seine Chance beim Schopf gepackt und aus der ehemaligen Ölmühle inmitten der Xantener Stadtmauer ein florierendes Unternehmen mit 22 Mitarbeitern gemacht, einschließlich integrierter Backstube und Ladenlokal. Weichold und sein Team beliefern mittlerweile Wochenmärkte von Kleve bis Neuss und haben seit kurzem auch ein Geschäft in Rheinberg. "Seit 200 Jahren Mühle, seit 25 Jahre wieder in echt", hieß es zum Jubiläum im vergangenen Jahr.

Die Kriemhild Mühle ist wie das Nibelungen-Museum und der Archäologische Park fest im Xantener Tourismus-Konzept integriert. Täglich kommen Besucher aus dem ganzen Land an den Nordwall und zücken ihre Fotoapparate. Als Museumsbetreiber sieht Weichold sich dennoch nicht: "Das ist in erster Linie ein Wirtschaftsbetrieb. Der ließe sich zwar ohne den historischen Hintergrund kaum rentabel betreiben, aber letztendlich sind die Touristen nur noch mit zehn bis 20 Prozent an den Einnahmen beteiligt."

Die vier fast elf Meter langen Flügel brauchen trotz Fockverstärkung (die Fock ist das Holzprofil vor dem eigentlichen Segel) vor allem schweres Segeltuch. Die elf Quadratmeter großen "Lappen" können aber erst ausgerollt und vorgelegt werden, wenn die Mühle gut im Wind steht. Segel setzen und anschließend beobachten, wie sich die 1,40 Meter großen Mühlsteine langsam in Bewegung setzen, ist spannend, vor allem für Kinder. Zahlreiche Schulklassen und Kindergärten aus ganz Deutschland haben daher eine Führung durch die Kriemhild-Mühle im Terminkalender stehen, meist im Anschluss an einen Rundgang durch den Archäologischen Park. Anders als dort muss der Nachwuchs in der Mühle kräftig mit anpacken. "Schwere Säcke hoch schleppen und Korn schaufeln, ist anstrengend, aber es macht den meisten richtig Spaß", erzählt Weichold, der mit den ganz mutigen Schülern die Flügel hochklettert.

Wer in einer geschichtsträchtigen Stadt wie Xanten eine historische Mühle betreibt, muss ein Multitalent sein. "Ich bin zu 70 Prozent Bäcker und Müller und zu 30 Prozent Pädagoge", sagt der Wahl-Xantener. Als solcher schafft er so gerade zwei Gruppenführungen am Tag, kann die vielen Anfragen nicht bedienen. Deshalb sucht er einen freundlichen Pädagogen der "fit ist wie ein Turnschuh". Weichold weiß wovon er spricht, denn als Müller muss er bei Wind und Wetter auf die Galerie, dem Rundgang unterhalb der Flügel. Stress machen ihm dabei vor allem Stürme mit Orkanstärke. "Die Mühle dreht sich nicht automatisch in den Wind. Wenn ein Sturm von hinten auf die Flügel drückt, würde er sie zerstören, da müssen wir hellwach sein", weiß der Kriemhild-Müller. So zum Beispiel in der Nacht zum 19. Januar 2007. Während der Orkan Kyrill weite Teile Europas beeinträchtigte, drehte sich das 21 Meter spannende Flügelkreuz der Kriemhild-Mühle wie immer. Möglich machen dies aerodynamische Bremsen in den Flügeln. Sie sorgen dafür, dass die kritische Grenze von 15 Umdrehungen in der Minute nicht überschritten wird.

Wer vom Wind abhängig ist, muss auch Flauten einkalkulieren. "Im Sommer dauern die manchmal zwei Wochen, dann müssen wir Mehl zukaufen", so Weichold. 50 Tonnen Mehl produziert die Mühle im Jahr, dabei könnte sie locker den Bedarf der hauseigenen Bäckerei von 80-90 Tonnen jährlich schaffen, wären da nicht die Bäume im angrenzenden Ostwall. "Die Kronen sind mittlerweile so hoch, dass der Wind aus dieser Richtung nur noch auf die obere Flügelhälfte trifft. Dabei sind das nicht einmal einheimische Baumarten", ärgert sich Weichold. Damit nicht genug: Für die leerstehenden Grundstücke auf der anderen Straßenseite ist eine Geschosshöhe von sieben Metern im Bebauungsplan vorgesehen. Sollte ein potenzieller Bauherr das ausnutzen, befände sich die Kriemhild-Mühle in einer Dauerflaute und die Tauben bekämen über kurz oder lang ihr Domizil zurück.

Quelle: RP
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