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Xanten
Blinde Künstler machen in Xanten Musik sichtbar

Xanten. Neue Ausstellung in der Kleinen Schmiede am Markt. Von Erwin Kohl

Möchte ein Künstler ein Bild auf die Leinwand bringen, bieten sich mit der gegenständlichen und der abstrakten Malerei zwei grundsätzliche Ansätze an. Voraussetzung in beiden Fällen ist, dass der Malende die Entstehung seines Werkes mit den Augen verfolgt und zumeist ein Motiv im Sinn hat. Eine Ausstellung auf Initiative der Künstlerin Eugenie Schumacher in der Kleinen Schmiede am Xantener Markt zeigt den Besuchern eine völlig andere Herangehensweise. Die Kölnerin hatte einen Workshop angeboten, in dem ausschließlich blinde Menschen zum Pinsel griffen. "Ich habe den Teilnehmern Musik vorgespielt. Sie sollten den Rhythmus und die Töne auf sich wirken lassen und Tänze wie den Jive, Foxtrott oder Tango malen", erklärt Schumacher. Anschließend hat die Kursleiterin die Ergebnisse eingescannt, auf einer Folie ausgedruckt und mit unterschiedlichen Hintergrundfarben ausgestattet.

Zum Erstaunen der Besucher lassen sich tatsächlich die Tanzfiguren erkennen. "Das wird besonders beim Tango deutlich mit seinen schräg dargestellten Linien", erläutert Eugenie Schumacher. Einmal in die Materie eingetaucht erschließt sich dem Betrachter auch schnell das unterschiedlich dargestellte Tempo bei Jive oder Rock'n'Roll oder die Schrittfolge des Foxtrotts. Das geht sogar so weit, dass die ovalen Kreise von Josef Essers Walzer den bekannten Dreivierteltakt ins Ohr befördern. Auf die Idee ist die ehemalige Xantenerin gekommen, weil sie sich gefragt hat, wie Menschen Ästhetik erleben. "Menschen, die von Geburt an blind sind, haben weder Bilder noch Farben im Kopf. Dieser Workshop hat gezeigt, dass Ästhetik zum einen viel tiefer sitzt und zum anderen Wohlbefinden auslösen kann", erzählt Eugenie Schumacher, die darüber hinaus erfahren hat, dass diese Art der Malerei klare Unterschiede in den Persönlichkeiten der Künstler zulässt. "Josef Esser malt sanfte Kreise, Ursula Denel bleibt immer in der Diagonalen, während Franziska Zimmermann sehr expressiv mit mehreren Pinseln gleichzeitig zu Werke geht, das ist schon Action Painting", so Schumacher.

Für die Künstler war dieser Malkurs nicht nur eine wertvolle Erfahrung, sie fanden dadurch die Möglichkeit, mit einem Vorurteil aufzuräumen. "Die Menschen glauben, wir leben in unserer eigenen Welt. Aber ich spüre den Sonnenschein und den Regen, ich höre die Musik und kann mich inspirieren lassen. Das war für mich eine sehr schöne Erfahrung", berichtet Franziska Zimmermann.

Weil es sie so traurig machte, ihr Werk nicht sehen zu können, hatte Eugenie Schumacher eine Idee: "Ich habe das Bild mit Knetgummi dreidimensional nachgebildet, sie betrachtet es nun mit ihren Fingern."

Quelle: RP
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