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Krankenpfleger berichtet von Angriff auf Klinik
"Sechs Patienten brannten in ihren Betten"

Fotos: "Ärzte ohne Grenzen"-Klinik von Jets bombardiert
Fotos: "Ärzte ohne Grenzen"-Klinik von Jets bombardiert FOTO: dpa, gh
Kundus. Ein Krankenhaus der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" im afghanischen Kundus ist am Samstag von einem Luftangriff getroffen worden - offenbar waren es US-Jets, die die Klinik bombardierten und in Brand setzten. "Ärzte ohne Grenzen" hat jetzt den Bericht eines Krankenpflegers veröffentlicht, der den Angriff miterlebt hat. 

Der Bericht ist eine gute DIN-A4-Seite lang. Verfasst hat ihn Lajos Zoltan Jecs, der seit Mai als Krankenpfleger in der Klinik arbeitete, die am frühen Samstagmorgen bombardiert wurde. In 19 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter zwölf Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" und sieben Patienten. Drei von ihnen waren Kinder. Die US-Streitkräfte in Afghanistan haben erklärt, sie hätten zu etwa derselben Zeit in der Nähe angegriffen. Womöglich sei die Klinik versehentlich getroffen worden. US-Präsident Barack Obama spricht von einer "Tragödie" und hat angekündigt, den Vorfall aufklären zu lassen. 

Jecs, so viel ist klar, muss bei seiner Arbeit in Afghanistan viel gesehen haben. Dennoch spricht aus seinem Bericht Fassungslosigkeit. Mit einfachen, eindringlichen Worten beschreibt er die Situation in der Klinik nach dem Angriff.

"Es war absolut furchteinflößend", schreibt er in dem Bericht, den man hier auf Englisch komplett lesen kann. "Ich schlief in unserem sicheren Raum im Krankenhaus. Gegen zwei Uhr in der Früh wurde ich vom Geräusch einer großen Explosion in der Nähe geweckt. Zuerst wusste ich nicht, was los war. In der Woche davor hatten wir auch schon Bombenangriffe und Explosionen gehört, aber sie waren immer weiter weg. Diese war anders, nah und laut."

Jecs beschreibt, wie die Mitarbeiter der Klinik zunächst verwirrt sind und versuchen, die Situation einzuschätzen. 20 bis 30 Minuten später taumelt ein Kollege in den Raum. "Er hatte eine massive Verletzung am Arm, war blutüberströmt, hatte überall am Körper Wunden." Der Mann schreit um Hilfe, doch seinen Kollegen fehlt das Morphium, um seine Schmerzen zu linden. 

"Es gibt keine Worte dafür, wie schlimm es war"

Als keine Bombeneinschläge mehr zu hören sind, verlassen Jecs und der Projektleiter den sicheren Raum, um sich ein Bild von der Lage zu machen. "Wir versuchten, einen Blick in das brennende Gebäude zu werfen", schreibt er.

"Ich kann nicht beschreiben, was darin zu sehen war. Es gibt keine Worte dafür, wie schlimm es war. Auf der Intensivstation brannten sechs Patienten in ihren Betten."

In einem Operationssaal finden Jecs und der Projektleiter einen Patienten, der noch auf dem OP-Tisch liegt. "Tot, inmitten all der Zerstörung." Die Mitarbeiter, die in diesem OP gearbeitet hatten, sind verschwunden. Sie konnten sich in Sicherheit bringen, wie Jecs erst später erfährt. 

Die Mitarbeiter der Klinik kämpfen gegen das Chaos. "Wir mussten herausfinden, welche Ärzte noch am Leben und in der Lage waren, zu helfen. Bei einem unserer Ärzte mussten wir eine Notoperation durchführen. Leider starb er dort auf dem Schreibtisch. Wir haben unser Bestes getan, aber es war nicht genug." Einige seiner Kollegen hätten unter Schock gestanden und nur noch geweint. 

"Ich arbeite hier seit Mai", schreibt Jecs. "Ich habe viele schwere medizinische Notfälle gesehen. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn diese Menschen deine Kollegen und Freunde sind." 

(jco)
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